Forderungen der BettelLobbyWien

Wir fordern die Abschaffung aller Bettelverbote.

Wir fordern ein Ende der Kriminalisierung von bettelnden Menschen und einen differenzierten Umgang mit dem Thema Betteln.

Wir fordern, dass das Thema Betteln unter dem Aspekt von Armut und sozialer Ausgrenzung sachlich diskutiert wird, ohne Vorverurteilung und Kriminalisierung. Die Ursachen von Armut müssen bekämpft werden, nicht die Armen!

Wir fordern einen solidarischen und respektvollen Umgang mit bettelnden Menschen und Zivilcourage bei beobachteten Übergriffen.

Der öffentliche Raum muss allen gehören, nicht nur den Kaufkräftigen.

Wir fordern die Abschaffung aller Bettelverbote.

– Betteln ist ein durch die Verfassung geschütztes Grundrecht.

Das Argument mit den Bettelverboten Bettelnde zu schützen, ist zynisch und dient nur dazu, das Vorgehen gegen Bettelnde auch noch moralisch zu rechtfertigen.

– Betteln ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit zur Selbsthilfe. Und für die, die geben, ist es eine Möglichkeit zur Umverteilung – freiwillig, ohne Verwaltungsaufwand, ohne staatliche Einmischung. Direkte Hilfeleistung gehört zu den selbstverständlichen sozialen Taten in einer freien Gesellschaft.

– Sollte es, wie von Politik und Medien oft unterstellt, im Zusammenhang mit Betteln zu Nötigung oder Menschenhandel kommen, gibt es dafür entsprechende Gesetze im Strafrecht.

Wir fordern ein Ende der Kriminalisierung von bettelnden Menschen und einen differenzierten Umgang mit dem Thema Betteln.

Denn mit Sorge beobachten wir:

– dass angesichts wachsender sozialer Unsicherheit die Schuldzuweisungen an unerwünschte Gruppen zunehmen.

– dass beim Thema Betteln die Argumente vieler Politiker und Politikerinnen und die Berichterstattung vieler Medien auf Unterstellungen und antiziganistischen Mythen beruhen.

– dass Polizei und Behörden oft willkürlich und mit brutaler Härte gegen Bettlende vorgehen.

– dass sich vermehrt Menschen berufen fühlen, eigenmächtig gegen Bettelnde vorzugehen, in einzelnen Fällen sogar mit körperlicher Gewalt.

Wir fordern, dass das Thema Betteln unter dem Aspekt von Armut und sozialer Ausgrenzung sachlich diskutiert wird, ohne Vorverurteilung und Kriminalisierung. Die Ursachen von Armut müssen bekämpft werden, nicht die Armen!

Der Grund, warum immer mehr Menschen aus Osteuropa nach Österreich zum Betteln kommen, liegt schlicht und einfach darin, dass sie in ihrer Heimat keine Arbeit finden, ausgegrenzt und verfolgt werden und die Sozialhilfen und Pensionen zu gering sind, um ihr Überleben zu sichern (siehe Interviews). Die in die EU aufgenommenen Länder des ehemaligen Ostblocks dienten als Selbstbedienungsläden der westlichen EU-Länder, Österreich hat hier besonders profitiert. Viele “Top-Unternehmen” unseres  Landes sind so gesehen mitschuld an der Armut in diesen Ländern.

Statt Bettlerinnen und Bettler aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben, um damit Armut unsichtbar zu machen, sollten endlich die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, die Armut bedingen, geändert werden, in Österreich, in Europa und international.

Wir fordern einen solidarischen und respektvollen Umgang mit bettelnden Menschen und Zivilcourage bei beobachteten Übergriffen.

Es liegt in der Entscheidung jeder einzelnen Person, ob sie Bettelnden etwas gibt oder nicht. Auf jeden Fall muss das Recht auf Freiheit sich im öffentlichen Raum aufzuhalten und um Unterstützung zu bitten anerkannt und geschützt werden.

Wir bitten alle, die einen Übergriff auf Bettelnde beobachten, nach Möglichkeit nachzufragen, einzuschreiten, das Geschehene zu dokumentieren und der BettelLobbyWien zu melden.

Der öffentliche Raum muss allen gehören, nicht nur den Kaufkräftigen.

Die BettelLobbyWien

Interviews mit Betroffenen:

Der 73-jährige Herr L. sitzt auf dem Gehsteig. Sein linkes Bein ist amputiert, das Gesicht von Falten zerfurcht. In seinem Mund sieht man kaum Zähne. Herr L. kommt aus Pitesti. Die ehemals florierende Industriemetropole in Südrumänien ist Sitz der Dacia-Werke, die 1999 gänzlich an Renault verkauft wurden und Anfang 2009 von drastischen Personalkürzungen und Streiks betroffen waren. Dieses Interview wurde im Sommer 2010 geführt

Können Sie mir erzählen, seit wann Sie sich in Wien aufhalten?

Seit zehn Jahren.

Sind Sie alleine in Wien?

Nein, ich lebe gemeinsam mit meiner 42-jährigen Tochter, ihrem Ehemann und ihren vier erwachsenen Söhnen hier.

Wo wohnen Sie?

Mit meiner Familie teile ich ein vier mal vier Meter großes Zimmer mit Küche, Bad und WC.

Wieviel Miete müssen Sie dafür zahlen?

Im Monat an die 500 Euro.

Wem gehört die Wohnung?

Die Vermieterin ist Österreicherin.

Wieviel verdienen Sie am Tag als Bettler?

Zwischen zehn und zwanzig Euro.

Wie kann ihre Familie überleben?

Meine Tochter arbeitet in der Umgebung von Wien als Erntehelferin, ihre Söhne auf der Baustelle. Das alles ist natürlich Schwarzarbeit. Die Söhne haben seit drei Monaten keinen Lohn gesehen.

Fahren Sie hin und wieder nach Rumänien?

Ich selbst war die letzten zehn Jahre nicht mehr in Rumänien, aber meine Familie fährt sieben bis acht Mal im Jahr hin. Wir haben dort eine Bretterbude.

Haben Sie schon Erfahrungen mit der Wiener Polizei machen müssen?

Ja, es ist schon öfter vorgekommen, dass man mich im Polizeiauto mitgenommen und ein paar Straßen weiter wieder ausgesetzt hat.

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Andrej O. bettelt vor einem Bankgebäude in der Nähe einer stark frequentierten U-Bahnstation in Wien. Vor 20 Jahren musste er aufgrund seiner Epilepsieerkrankung in Frühpension gehen. Davor hat er in einer Schlachterei in seiner Heimatstadt Rimavska Sobota, Slowakei, gearbeitet. Wir trafen ihn am Freitag in der so genannten 2. Gruft im Haus St. Josef (Caritas Wien), die seit Montag dieser Woche für EU-Bürger einfache Notschlafmöglichkeiten anbietet.

Seit wann kommen Sie nach Wien?

Schon lange, seit fast 20 Jahren. Da meine Rente nur 200 Euro beträgt und meine Frau, mein Sohn und ich davon nicht leben können, fahre ich nach Wien zum Betteln. Meine Rente reicht nicht einmal für Miete, Strom und Heizkosten.

Sind Sie alleine hier?

Ich bin mit meinem Sohn da. Weil er aber schon oft von der Polizei bestraft wurde, bettelt er nur selten. Mein Sohn ist 24 Jahre alt, er kann in der Slowakei keine Arbeit finden. Erst ab dem Alter von 25 Jahren hat man in der Slowakei Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Das sind aber nur 60 Euro im Monat.

Hatten Sie auch schon Probleme mit der Polizei?

Ich werde oft vertrieben. Ich erkläre der Polizei aber immer, dass ich an Epilepsie leide, deswegen lassen Sie mich meist in Ruhe.

Wo übernachten Sie, wenn Sie in Wien sind?

Im Sommer meist in Parks, im Herbst auf Pappkartons in einer U-Bahnpassage. Seit am Montag diese Notschlafstelle geöffnet wurde, schlafen wir hier. Auch zum Mittagessen kommen wir hierher. Hier bekommt man für 50 Cent ein Mittagessen.

Wieviel können Sie beim Betteln verdienen?

Etwa 10 bis 20 Euro pro Tag, jetzt vor Weihnachten ein bisschen mehr, manchmal sogar 40 Euro. Ich sitze fast immer am selben Platz. Es gibt viele nette Leute, die täglich vorbeikommen. Sie kennen mich schon.

Wie lange bleiben Sie hier?

Ich fahre meist für mehrere Wochen her. Es hängt aber immer davon ab, wieviel Geld wir verdienen. Manchmal bleiben wir länger, dann wieder weniger lang. Am 23.12. fahren wir zurück, um Weihnachten mit meiner Frau zu verbringen.

Es gibt in den Medien immer wieder Berichte von der so genannten „Bettlermafia“. Haben Sie auch schon davon gehört, dass Menschen ihr erbetteltes Geld abführen müssen?

Mich hat noch niemand kontaktiert. Es ist auch noch nicht vorgekommen, dass jemand meinen Platz haben wollte. Es sind viele Leute aus der Slowakei hier, wir kennen einige, sie betteln aber für sich selbst. Das Problem ist die Arbeitslosigkeit bei uns.

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Desislava P. ist aufgrund einer Polioerkrankung seit ihrer Kindheit körperbehindert. Sie kommt aus der bulgarischen Stadt Kjustendil. Wir trafen Sie im Herbst dieses Jahres am Praterstern.

Seit wann und warum kommen Sie zum Betteln nach Österreich?

Ich mache das schon seit einigen Jahren. In Bulgarien bekomme ich nur 50 Euro Behindertenrente, das reicht nicht zum Leben. Meine Geschwister und Eltern sind arbeitslos und können mich auch nicht unterstützen. Ich war auch schon in Deutschland zum Betteln.

Sind Sie alleine hier?

Ich bin mit meinem Mann da. Er ist ebenfalls körperbehindert. Wir betteln gemeinsam. Auch der Bruder meines Mannes ist hier.

Bettelt der Bruder Ihres Mannes auch?

Nein, er ist gesund. Er fährt das Auto und hilft uns. Er bringt meinen Mann, der nicht gehen kann, zum Betteln.

Wo wohnen Sie?

Wir wohnen in einem Zimmer. Es ist sehr klein und feucht, weil es im Keller ist. Es ist hier in der Nähe.

Wieviel können Sie beim Betteln verdienen?

Es kommt darauf an. Manchmal 10 Euro, manchmal sogar 50. Ich habe Angst vor der Polizei, wenn Polizei kommt, gehe ich meist da nach hinten. Früher hab ich auf der Mariahilferstraße gebettelt, aber da wurde mir von der Polizei das Geld weggenommen. Hier ist es besser. Wir fahren aber auch nach Graz, da gibt es keine Probleme mit der Polizei. Aber dort sind so viele Bettler, dass wir nicht viel verdienen.

Wie ist Ihre Situation in Bulgarien?

Meine Familie wohnt in einer kleinen Hütte. Wir haben kein Geld. In Bulgarien zu betteln ist sehr schwierig, man verdient nichts und wird beschimpft. Deswegen komme ich hierher. Es gibt auch kaum Arbeit und alles ist sehr teuer geworden. Mit dem Betteln kann ich auch meine Verwandten unterstützen.

(Namen von der BettelLobbyWien geändert.

Wer wir sind und was wir machen:

Auf der Armutskonferenz 2008 fanden sich einige Personen zu einer Arbeitsgruppe zum Thema Betteln zusammen, die seit Dezember 2008 als BettelLobbyWien auftritt.

Die BettelLobbyWien

– verteidigt das Grundrecht auf Betteln

– kämpft gegen Polizei- und Behördenwillkür, gegen Vorurteile, falsche

Medienberichte und rassistische Hetze.

– sammelt  Informationen über die Situation von Bettelnden

– macht Forschung und Öffentlichkeitsarbeit

– bietet Informationen, Vorträge und Workshops zum Thema an

– bietet Betroffenen Information zu medizinischen, sozialen und rechtlichen Fragen

– vernetzt ExpertInnen, MultiplikatorInnen und Betroffene.

Die BettelLobbyWien trifft sich einmal im Monat. Wissen, Ressourcen und MitarbeiterInnen sind willkommen! Wir suchen vor allem nach ehrenamtlichen MitarbeiterInnen mit Ungarisch – oder Rumänischkenntnissen und nach JuristInnen.

Kontakt: bettellobbywien@gmx.at

https://bettellobbywien.wordpress.com/

Rückfragen unter: Marion 0650-2579596 oder

Ulli 0650-5034340

Wer über unsere Aktionen informiert werden möchte, sende bitte eine Mail mit dem Betreff „Info“ an die BettelLobbymailadresse!!!

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4 Antworten to “Forderungen der BettelLobbyWien”

  1. Jury Everhartz Says:

    Ihr Grossartigen! Wunderbar, dass es Euch gibt. Volle Unterstützung!

  2. Rondo Says:

    Es gibt viele Sozialeinrichtungen und Sozialprojekte in Wien.
    Derjenige der sich wieder in die Gesellschaft eingiedern will, der hat die Möglichkeit.
    Bezüglich des Bettelverbots sehe ich das anders.
    Vor allem Bettelbanden aus dem Ausland profitieren vom Betteln. Da es nun ein Bettelverbot gibt, versuchen sie es mit „Zeitungsverkäufen“ (dient als Deckmantel) und ähnlichen, betteln aber trotzdem weiter rum.
    Jeder der diesen ausländischen Bettlern Geld gibt, finanziert nicht den Bettler (der wird nämlich von seinem Zuhälter abgecasht), sondern dessen Organisation. Sie finanzieren mit der „Spende“ an ihn Waffen, Drogen, Prostitution, Kindsverstümmelungen und andere kriminelle Aktivitäten.

    • akbettlerinnen Says:

      sehr geehrter herr rondo. wie sollte betteln mit waffen, drogen, prostitution und kindsverstümmelung zusammenhängen? bitte überlegen sie mal, wie sie zu diesen verschwörungstheorien kommen und warum sie solchen blödsinn auf unserer webseite verbreiten?

  3. johnJ Says:

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