Mariahilfer Straße: Shoppen für die Reichen, U-Haft für die Armen

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polizeiTäter ohne Opfer

Drei junge Männer, frisch in Wien, werden verhaftet – wegen versuchten Diebstahls? Wegen unübersehbarer Armut? Wegen behördlichem Rassismus? Niemand weiß es. Bericht eines Intermezzos im Shoppingparadies. (Von Martina Handler, erschienen im Augustin)

Drei junge Männer gehen die Mariahilfer Straße entlang, einer rempelt einen Entgegenkommenden an, greift ihm in die Jackeninnentasche. Ein paar Minuten später stoppen die drei einen Mann, der sein Rad schiebt. Der eine hält ihm die Hand entgegen, um ihn zum Stehen zu bringen, und verwickelt ihn in ein Gespräch, während die anderen ihm in den Fahrradkorb greifen und sich an einer darin liegenden Jacke zu schaffen machen. Das ist die Aussage eines Polizisten außer Dienst, der die drei aus einiger Entfernung beobachtet hatte. In der Mariahilfer Straße gibt es viel zu beobachten. Die drei fielen ihm vielleicht auf, weil sie ganz offensichtlich nicht zum Shoppen, sondern zum Betteln auf der Mariahilfer Straße waren. Armut fällt auf, vielen unangenehm. Sie macht schlechtes Gewissen. Und sie macht Menschen verdächtig. Vor allem, wenn sie so aussehen, als wären sie nicht «von hier». Der eifrige Polizist verständigte sein Kolleg_innen, und die drei wurden festgenommen. 22 Tage waren Ioan, Ivailo und Boris* im Wiener Landesgericht als Tatverdächtige in Haft. Sie saßen im Gefängnis, obwohl keine Geschädigten ausfindig gemacht werden konnten und bei ihnen auch kein Geld gefunden worden war. Der Polizist hatte, so sagte er vor Gericht aus, den ersten vermeintlich Bestohlenen angesprochen, aber dem fehlte nichts. Den zweiten, den Radfahrer, sprach er nicht an, sondern holte gleich seine Kolleg_innen. Da war der Radfahrer schon weg.

Wienfahrt kostet Schweinegeld

In Harlec, einem Dorf 100 Kilometer nordöstlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia regiert die Hoffnungslosigkeit. Es gibt keine Arbeit für die hier lebenden Roma, keine Perspektive. Die Menschen leben von der spärlichen Sozialhilfe, vom Kindergeld und von jenen, die aufbrechen, um durch Betteln das magere Familieneinkommen aufzubessern. Wie Ioan, sein Bruder Ivailo und deren Schwager Boris. Als Mitte Oktober die Familie die Nachricht erreicht, dass die drei im Gefängnis sitzen, verkauft der Vater sein einziges Schwein und fährt mit seiner Schwiegertochter, Ioans Frau, nach Wien. So ein Schwein ist kostbar. Traditionell wird es übers Jahr gemästet, zu Weihnachten geschlachtet und bringt die Familie über den Winter. Aber wie sonst könnte die Familie den Kauf der Bustickets und den Aufenthalt in Wien finanzieren? Mike Grätzner, Buchhalter und Antiquitätenhändler, engagiert sich für bedürftige bulgarische Roma in Wien. Er unterstützt sie bei behördlichen und rechtlichen Angelegenheiten, verhilft ihnen zu kleinen Einkünften durch Gelegenheitsarbeiten. Auch Ioan hat immer wieder kleinere Hilfsarbeiten für ihn erledigt, um sich ein wenig Geld zu verdienen. «Dass er stiehlt, kann ich ausschließen. Wenn er das wollte, hätte er bei mir schon viele Gelegenheiten gehabt. Bei mir stehen überall Antiquitäten herum.» Außerdem, sagt er, ein Taschendieb müsste doch eigentlich Geld haben? Aber Ioan und seine Freunde, die er beinahe täglich trifft auf seinem Weg mit dem Rad durch die Mariahilfer Straße von der Wohnung ins Büro und zurück, haben nichts. Fünf Euro zahlen sie für die Nacht mit etlichen anderen in einem Raum, bescheidenes Essen, zum Zurücklegen für zu Hause bleibt da nicht viel.

Entlastungszeuge unerwünscht

Alle kamen sie, der Vater, Ioans Frau, zehn weitere Verwandte und Freunde, um mit Mike Grätzner zu reden. Ioan hatte erwähnt, dass er, Ivailo und Boris gleich, nachdem sie Mike auf der Mahü getroffen hatten, verhaftet worden waren. Sollte es da einen Zusammenhang geben? Mike begann zu recherchieren. Er kontaktierte die Pflichtverteidiger und erfuhr, was in der Anklage steht. Da dämmerte ihm, dass er möglichweise das eine vermeintliche Opfer, der Radfahrer, sein könnte. Aber Ioan hat ja seine Telefonnummer, die Polizei hätte ihn doch schon längst einvernommen, war er überzeugt. Mike Grätzner bot sich trotzdem den Anwälten als Zeuge an, wurde allerdings nicht geladen. Er musste sich dem Gericht richtiggehend aufdrängen: Erst als er am Tag vor der Verhandlung dem Richter eine schriftliche Stellungnahme schickt, wird er schließlich von diesem verständigt, dass er ihn als Zeuge aufrufen wolle. Tatsächlich hatte Ioan bei der Einvernahme, konfrontiert mit den Anschuldigungen, erklärt, dass der Radfahrer Mike ein Bekannter sei, und den Polizist_innen einen Zettel mit der Mikes Telefonnummer hingelegt. Aber weder die Polizei noch die Anwälte, noch das Gericht hatten sich bei ihm gemeldet. Bei der Verhandlung am 29. Oktober wurden Ioan, Ivailo und Boris freigesprochen. Von den Anschuldigungen des Polizisten blieben nach Mikes Zeugenaussage nicht viel außer Zweifel an dessen Beobachtungsgabe. Ohne seinen Auftritt wäre die Sache sicher anders ausgegangen. Schwein gehabt! Mike Grätzner hat nun bereits eine Sammelaktion gestartet: Auch diese Weihnachten soll der Schweinsbraten auf dem Familientisch in Harlec nicht fehlen. *Namen von der Redaktion geändert 

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Eine Antwort to “Mariahilfer Straße: Shoppen für die Reichen, U-Haft für die Armen”

  1. stefan Says:

    Danke für die Story, Martina!

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