15-20 Euro pro Tag: BettlerInnen berichten.

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Bettler WienAufgrund der Medienberichterstattung vorletztes Wochenende, die BettlerInnen aus Osteuropa diffamierte und kriminalisierte, bat die BettelLobbyWien letzten Dienstag zu einem Treffen. Etwa 20 BettlerInnen und StraßenzeitungsverkäuferInnen kamen, kommentierten die Medienberichte und erzählten über ihr Leben. Besonders aufgebracht waren sie über die Höhe des angeblichen Verdienstes, der in den Medien verbreitet wurde und über die Darstellung von BettlerInnen als Angehörige von Menschenhändlerringen und Banden. Hier einige der Zitate.

„Ich höre das zum ersten Mal, dass es bei uns Chefs geben soll“ sagt Herr Iancu, „mein Chef ist meine Familie, meine zwei Kinder, die von mir am Abend Geld wollen.“

„Wenn ich am Tag zwischen 300 und 1000 Euro verdienen könnte, hätte ich längst ausgesorgt und würde nach zehn Tagen für immer zurück nach Rumänien fahren“ sagt Herr Paduran: „Ich bin seit vier Jahren hier und verdiene 15-20 Euro am Tag.“

„Ich hab heute 15 Euro verdient, 10 Euro brauch ich um hier durchzukommen, 5 Euro kann ich mir am Tag für die Familie in Rumänien sparen“ so Herr Gheorghe, er ist seit zwei Jahren in Wien. Seine Familie lebt in Rumänien.

„Wir haben eine große Verwandtschaft, wir treffen uns gerne, weil wir gerne zusammen sind. Oft ist es so, dass dann die Polizei kommt und über uns sagt, oh Gott, ihr seid alle organisiert“ sagt Frau Hasiu.

„Die Österreicher sind gute Menschen, viele haben ein großes Herz, kaufen was zu essen, geben ein Kebap oder Geld“ sagt Herr Pincu „aber es ist so ungerecht was geschrieben wird und dass dann, wenn ein Mensch an mir vorbeigeht, sieht er in mir nur einen Kriminellen und das möchte ich nicht.“

„Meiner Familie sende ich etwa 50 Euro im Monat. 6 Euro zahle ich für das Quartier pro Nacht, und fürs Essen brauche ich etwa 4 Euro. Ich rauche und trinke ja nicht. Zwischen 10 und 15 Euro verdiene ich pro Tag beim Betteln, manchmal vielleicht sogar 20, aber sehr selten.“ sagt Ivan Stoev. Herr Stoev ist seit einem Jahr in Wien. „Es gibt hier keinen Menschen, der mich zwingt. Ich kenne ja mittlerweile fast alle Bulgaren, die hier betteln. Wir kommen alle aus demselben Grund: weil wir in Bulgarien keine Arbeit haben und Geld brauchen, um nicht zu verhungern. Die Armut zwingt uns.“

„Mit uns kann niemand einen Gewinn machen, weil wir keine sichere Einnahmenquelle sind“ sagt Herr Popescu, „wenn ich die Möglichkeit habe einen Gelegenheitsjob für 3-4 Euro zu nehmen, mache ich das und höre mit dem Zeitungsverkauf sofort auf.“

„Wenn wir 20-30 Euro am Tag machen könnten, dann wären wir schon sehr glücklich, denn dann kämen wir wirklich gut über die Runden“ sagt Frau Gheorge.

Zu den Wohnverhältnissen: Die BettelLobbyWien besucht immer wieder Häuser, wo StraßenzeitungsverkäuferInnen und BettlerInnen wohnen. Es handelt sich meist um heruntergekomme Altbauten, die ohne Kaution und Provision an Armutsbetroffene vermietet werden. Die Besitzer dieser Häuser sind nicht Teil des „Clans“, wie so oft suggeriert wird, sondern meist Österreicher. Die Preise für die Wohnungen liegen bei etwa 500 Euro für 40-50 m2 Substandardwohnung, meist auch ohne Heizung. Oft bewohnen mehrere miteinander verwandte Familien die Wohnungen und teilen sich die Kosten. Eine andere uns bekannte Praxis ist, dass man sich vorübergehend bei Bekannten einmietet, da liegt der Preis für Nacht und Matratze bei etwa sechs Euro. (Zum Vergleich: in einer Jugendherberge kostet ein Bett etwa 15 Euro, der Fond Soziales Wien verlangte im Jahr 2010 für eine Übernachtung 4 Euro – dieser Betrag wurde dann aufgrund von Protesten auf 2 Euro reduziert). Zur Anreise benutzen die Leute den Linienbus oder Sammeltaxis, wie sie in Osteuropa üblich sind.

„Am häufigsten ist es so, dass Verwandte, die schon länger hier sind, also acht bis neun Jahre, die besuchen wir und dann bleiben wir hier“ sagt Herr Paduran.

„Wir teilen uns dann die Miete, 70-80 Euro, wenn es zu eng ist, weichen wir aus, zu anderen Verwandten“

„Es ist normal, dass man einen Bus oder ein Auto braucht, weil mit dem Fahrrad schaff ich es nicht, hierher zu kommen“ sagt Herr Popescu.

„Ich habe zuerst bei meinem Opa geschlafen, dann im Auto, dann draußen, jetzt bin ich in der Notschlafstelle“ sagt Herr Popescu, „Mir wurde von einem Serben eine Wohnung angeboten, aber die verlangen mehr Geld, da brauch ich schon mal 1500 Euro nur für die Kaution. Wenn ich das Geld hätte, könnte ich zuhause ein Schwein kaufen, den Garten herrichten. Das Geld würde ich zuhause ausgeben.“

„Ich würde am liebsten in Rumänien sein, bei meiner Familie, ich würde zurück gehen, selbst wenn ich nur das Minimalste dort hätte, aber das hab ich nicht“ sagt Herr Popescu „dort habe ich gar keine Arbeit. Das Kindergeld ist bei uns nur 10 Euro im Monat, ich zahl fürs Haus 50 Euro Betriebskosten, es ist ein Häuschen, so ein kleines Häuschen, in Pitesti. Und obwohl ich ein Häuschen habe, komm ich nicht durch, weil dort kann ich nur zu den Sternen schauen, mehr kann ich nicht“

Auf unsere Frage, was sich die anderen wünschen würden: „Ich wünsche mir Arbeit und eine fixe Wohnung“„Ich wünsche mir, gleichgestellt mit den anderen Menschen zu sein“

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2 Antworten to “15-20 Euro pro Tag: BettlerInnen berichten.”

  1. Sonjuschka Says:

    es tut mir leid, aber ich muss dem Bericht teilweise wiedersprechen, dass in machen Fällen KEINE Organisation steckt – ich habe mehere Jahre im 1sten Bezirk gearbeitet, Sonntags kam ein Bus, aus dem viele Leute ausstiegen (vlt waren sie aus Rumänien, sie sahen zumindestens so aus), dabei waren auch Personen mit schlimmen Behinderungen, Amputationen, Klumpfüßen, usw. – fast jeder erhielt eine Krücke. Es kann natürlich sein, dass nur die Fahrten organisiert sind, vlt aber auch nicht. Schlimm wäre es für die armen Leute wenn es wirklich Hintermänner gäbe, die dann einen Großteil des „Verdienstes“ einstreichen. Abseits davon ist es einfach zu auffällig, dass überall in Wien vor Einkaufsmöglichkeiten diese Leute positioniert sind, mit den immer selben auswenid gelernten Sprüchen – Bitte, Dankeschön, Alles Gute! Die verkaufen Zeitungen, ja – aber meistens fragen sie eher gleich um Geld. Mehrmals waren die Verkäufer partout dagegen dass ich für mein Geld eine Zeitung wollte. Vielleicht bekommen sie nur ein gewisses Kontingent als Alibi. Und woher kommen diese Zeitungen überhaupt?

    Ich habe immer gerne etwas gegeben, meine Familie hatte nie viel, aber wir haben trotzdem immer ein zwei Euro gehabt – meine Mutter hat sogar eine eigene kleine „Stadt-Geldbörse“ (wenn wir in der Stadt bummeln waren und meine Mutter den Bedürftigen kleine Spenden gegeben hat). Ich habe das Gefühl dass in diesen spezifischen Fällen sehr wohl eine Organisation dahinter steckt, inwieweit da „organisiert“ wird und in welche Richtung ist unklar. Meine Mutter kann sogar garnicht mehr unbesorgt einkaufen gehen, weil sie von ein paar Jungen verfolgt wird – die sie dann sogar zum Bakomanten drängen wollen, wenn sie kein Chash dabei hat und sehr unflätig werden wenn sie nein sagt, was sie auch tut, aufgrund dieses Verhaltens. Bei uns beim Billa steht ein Mädchen – sie ist sehr still, sehr nett, hat mit der Zeit mehr und mehr Deutsch gelernt. Sie verkauft Zeitungen – aber sie hat Geld lieber. Wenn ich nichts habe dann kommt die Geschichte mit der Bahnkarte (es ist ein mittlerweile bekannter Trick in Wien), ich habe ihr sogar einmal eine Leberkässemmel gekauft und etwas zu trinken auf ihre Bitte hin. Ich habe WIRKLICH nicht dagegen zu helfen, vor allem nicht Leuten die noch ärmber drann sind als wir. Ich hasse Leute, die einfach wegsehen, wenn ich mit ihnen z.B. im Kaffeehaus sitze und sie sich allerdings sehr wohl in ihrer Designerjacke fühlen aber keine 50 Cent für einen Bedürftigen haben. Was mich stört, ist das Verhalten mancher Individuen, die vermuthliche Organisation dahinter und die wahrscheinliche Ausbeutung der armen Personen. Wiegesagt – wie soll da nichts „Organisiertes“ dahinter stecken, wenn über ganz Wien bei jedem Lebensmittelgeschäft Leute mit Krücken, oder auch ohne, mit Zeitungen antrifft, die alle die selbe Leier runter beten???? Es tut mir extrem leid um diese Menschen, vor allem täte es mir noch leid, wenn irgendein Oberzampano dahinter stehen würde, der einen Großteil des kasierten Gelden für sich selbst einsteckt. Und abseits davon hat mich dieses Thema schon seit Jahren beschäftigt und gewundert. Klar ist, dass die Leute wirklich arm sind und nicht nur im finaziellen Sinn.

  2. MAG Says:

    Ihre Besorgnis ist verständlich, aber man muss genau hinschauen. In keiner wissenschaftlichen Studie, die bisher in Österreich zu dem Thema erschienen ist und bei der Bettler*innen befragt worden sind (lesen Sie sich hierzu die Links auf dieser Seite durch), gab es Hinweise auf „organisierte Ausbeutung“, obwohl das in den Medien immer wieder behauptet wird. Die Menschen sagen, dass sie sich zum Beispiel in Fahrgemeinschaften „organisieren“, zusammen Wohnungen mieten oder Wissen austauschen. Das erbettelte Geld reicht zum Überleben (von den „Tausenden“, die angeblich eine Mafia daran verdient, kann keine Rede sein), ein kleiner Teil wird oft an die Familie geschickt, unter anderem damit die Kinder im Herkunftsland in die Schule gehen können.
    In den Medien und auch durch die Polizei wird aber nicht unterschieden: „organisiert“ kann schon heißen, dass die Bettler*innen auf einem öffentlichen Platz sich kennen, zusammen angereist sind etc. Es gab einmal Schätzungen vom BKA, dass viele Bettler*innen selbstständig, und einige Bettler*innen auf diese Art (das heißt, über soziale Kontakte) organisiert sind. Bei einzelnen (!!) habe man den Verdacht, hier könnte der Straftatbestand des Menschenhandels erfüllt sein. Daraus wurde in den Medien und in der Politik die Behauptung gemacht, „fast alle“ der bettelnden Menschen in Wien seien Opfer von Verbrechern. Wenn es einzelne Fälle geben sollte, bei denen tatsächlich Menschen gezwungen werden oder erpresst werden, müssen diese ebenso wie in anderen Bereichen (Zwangsarbeit, Zwangsprostitution) gesondert betrachtet werden. Überlegen sie sich das mal: Lohnarbeit wird ja auch nicht generell verboten, nur weil es eventuell Fälle von Zwangsarbeit geben könnte! Meiner Meinung nach bringt es gar nichts, wenn man einfach das Betteln (oder Formen davon, wie das „organisierte“ Betteln) unter Strafe stellt oder Bettler*innen unter anderen Vorwänden (wie z.B. die Straßenverkehrsordnung) von den Straßen vertreibt. Das trifft nur die Bettler*innen selbst, die das Einkommen zum Überleben brauchen, sonst niemanden. Und jene Menschen, die – wie sie – einen wie ich finde gesunden Impuls von Betroffenheit zeigen, wenn ihnen Armut begegnet, und die helfen wollen, werden dadurch zutiefst verunsichert. Wenn sie etwas wissen wollen über die Menschen, die, wie sie geschrieben haben, mit Krücken vor Einkaufszentren sitzen, wäre dies eine gute Idee: gehen sie hin, eventuell mit jemanden, der/die übersetzen kann, und fragen sie nach, warum sie dort sitzen und was sie brauchen.

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