Wie wird man eine „Bettelmafia“?

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bettler1Stellen Sie sich vor, Sie gehören zu jenen vier Millionen RumänInnen, die in den letzten Jahren ihre Arbeit verloren haben. Die Sozialhilfe, die Sie erhalten, beträgt 50 Euro plus 20 Euro für Ihre beiden Kinder. Sie wissen nicht, wie Sie damit über die Runden kommen. Zum Glück schickt Ihre Schwester Ihnen manchmal via Moneygram etwas Geld. Ihre Schwester ist in Wien und bettelt. Endlich erfahren Sie, dass die Familie Ihrer Schwester eine eigene Wohnung gefunden hat. Sie können nachkommen.

Ihre Schwester schickt Geld und Sie fahren mit dem Sammeltaxi, das zwischen Wien und Ihrer Heimatstadt Pitesti verkehrt, nach Wien. Es kostet nicht mehr als die öffentlichen Verkehrsmittel, erspart Ihnen aber das Umsteigen und Schleppen Ihrer Taschen. In Wien werden Sie sich mit der Familie Ihrer Schwester und den Verwandten Ihres Schwagers eine kleine Wohnung teilen. Die Wohnung kostet 500 Euro plus 100 Euro für Energiekosten. JedEr MitbewohnerIn muss ihren Teil zahlen. Ihre Schwester zeigt Ihnen am nächsten Tag den Platz, wo Sie betteln können. Sie sind froh, dass Ihre Schwester und Ihr Schwager unweit dieses Platzes selbst betteln. Sie haben Sichtkontakt.

Nach kurzer Zeit kommt eine Polizeistreife. Sie, Ihre Schwester und Ihr Schwager müssen einsteigen und mitkommen. Auf dem Revier müssen Sie sich entkleiden. Die paar Centstücke, die Sie schon eingenommen haben, werden Ihnen abgenommen. Der Tatbestand des „organisierten Bettelns“, wie es im Wiener Landessicherheitsgesetz steht, wird sofort festgestellt: Sie haben sich zum Betteln verabredet. Sie werden später eine Strafverfügung über 200 Euro ausgehändigt bekommen.

Jetzt aber warten Sie drei Stunden auf eine Dolmetscherin. Sie werden einzeln verhört. Man wird Ihnen nicht glauben, dass Sie Geschwister sind. Ihre Schwester wird des Menschenhandels verdächtigt. Denn sie hat Sie nicht nur zum Betteln „rekrutiert“, sondern Ihnen auch die Anreise organisiert. Auch der Fahrer des Sammeltaxis ist verdächtigt. Denn er hat nicht nur Sie, sondern auch andere BettlerInnen von Pitesti nach Wien gebracht. Auch der Hausverwalter des Hauses, in dem Sie jetzt wohnen, steht im Visier. Er ist wahrscheinlich sogar der Boss. Denn er kassiert die größten Summen. Er hat nicht nur Ihre, sondern auch andere Wohnungen an rumänische BettlerInnen vermietet.

Und schon hat man sie: Voila, die Bettelmafia! Beweise für Menschenhandel, Ausbeutung oder Nötigung gibt es zwar nicht, weil „Sie sich nicht als Opfer fühlen“. Der Polizei reichen die „Zusammenhänge“ aber, um für die Medien ein Bild von Ausbeutung, Zwang und Hintermännern zu zeichnen.

Übrigens: Zu Oberst Tatzgern, der vorgestern mit einer Pressekonferenz die Hetzkampagne gegen BettlerInnen auslöste, hatte Florian Klenk schon 2005 folgende Einschätzung: „Tatzgern hat sich in wenigen Jahren vom Ottakringer Kriminalbeamten zum Berater der Innenministerin hochgearbeitet. Er liefert der Politik die Argumente, mit denen schärfere Fremdengesetze öffentlich verkauft werden können: Kampf gegen Schlepper, Kampf gegen Asylmissbrauch. Tatzgern hat Fotos und Horrorstorys sofort bei der Hand…“ aus http://www.falter.at/falter/2005/06/14/an-die-grenzen/  Auch wenn ein neues Bettelverbot diskutiert wird, ist Tatzgern mit Meldungen über ausgebeutete BettlerInnen stets zur Hand. Doch hinter den Zahlen über Opfer und Hintermänner die Tatzgern etwa 2011 nannte, steckten nicht klare Fakten wie Verurteilungen wegen Menschenhandels, sondern „die subjektive Einschätzungen eines Beamten“. Das jedenfalls ergab eine parlamentarische Anfrage der Grünen 2011: https://bettellobbywien.wordpress.com/2011/10/04/in-nur-zwei-fallen-ermittelt/

Um gegen Menschenhandel vorzugehen, braucht man das „Verbot des organisierten Bettelns“ ohnehin nicht. Denn Menschenhandel ist ohnehin verboten, auch Nötigung oder Ausbeutung.

Hohe Mieten machen nicht nur BettlerInnen zu schaffen. Für sie ist es aber wohl am schwierigsten, adäquate Wohnungen zu finden. Denn jemand, der keine Kaution und Provision ablegen kann, kein regelmäßiges Einkommen nachweisen kann, bekommt die schlechtesten Wohnungen zu den höchsten Preisen. Um das zu begründen braucht man nicht das Konstrukt einer so genannten „Bettelmafia“. Die Gründe liegen in der Logik unseres kapitalistischen Wohnungsmarktes.

Gefordert wären günstige Wohnungen oder zumindest Notschlafstellen für Familien und muttersprachliche Beratungsstellen, die auf die Probleme und Bedürfnisse armutsbetroffener OsteuropäerInnen eingehen können. Ist Vertrauen erstmals hergestellt, würden von Gewalt oder Nötigung betroffene BettlerInnen eine Beratungsstelle wohl auch viel eher um Hilfe bitten als die Polizei.

Ulli Gladik ist Regisseurin und Journalistin. Ihre Recherchen führten sie immer wieder in die von der Polizei so benannten „Hochburgen der Bettelmafia“. Häuser, wo nicht die Mafia, sondern armutsbetroffene Familien wohnen. Die Grundlage dieses Textes bieten die unzähligen Gespräche, die sie mit BettlerInnen seit 2003 führt und ihre Mitarbeit bei der BettelLobbyWien. Foto: CriWi

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Eine Antwort to “Wie wird man eine „Bettelmafia“?”

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Wie wird man eine „Bettelmafia“? Says:

    […] Text von Ulli Gladik / BettelLobbyWien: […]

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