„Stille Nacht, Heilige Nacht“ – zu Besuch bei den BettlerInnen im 15. Bezirk

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© Regina Schmid

© Regina Schmid

Eli und Regina machen bei unseren monatlichen Rechtsberatungstreffen im Amerlinghaus die Kinderbetreuung. Für Weihnachten haben die beiden sich etwas Besonderes überlegt: statt sich innerhalb ihrer Familien zu beschenken, gingen heuer die Geschenke an die Kinder der BettlerInnen und StraßenzeitungsverkäuferInnen, die sie bei den Rechtsberatungsabenden kennengelernt haben. Findet hier Elis Bericht:

Stille Nacht! Heil’ge Nacht! Alles schläft, einsam wacht; Nur das traute heilige Paar. Holder Knab‘ im lockigen Haar; Schlafe in himmlischer Ruh! Schlafe in himmlischer Ruh!

Unglaublich – ein Parkplatz direkt vorm Haus und das, obwohl wir mit dem großen Auto unterwegs sind. Denn es war doch möglich mit relativ begrenztem Budget, all die Wünsche der Kinder nach Scootern, Puppen und Lego aber auch jene der Eltern nach warmen Winterschuhen und Gewand für ihre Kinder zu erfüllen und damit stapeln sich jetzt einige große Pakete und Säcke in unserem Auto.

15. Bezirk, eine Seitengasse vom Gürtel. Hoffentlich treffen wir auch jemanden an. Vor dem Haus steht ein Mann und raucht. Er spricht uns an, weil wir suchend herumschauen. Obwohl wir kein Bulgarisch sprechen und er kein Deutsch, merken wir gleich, dass wir richtig sind. 

Stille Nacht! Heil’ge Nacht! Gottes Sohn, O! wie lacht Lieb‘ aus Deinem göttlichen Mund, Da schlägt uns die rettende Stund; Jesus! in deiner Geburt! Jesus! in deiner Geburt!

In der Wohnung (1 Zimmer und ein Vorraum mit Küche) treffen wir neben einigen Erwachsenen eines „unserer“ Kinder mit Mutter. Auch die Mutter von zwei anderen Kindern ist da. Die Kinder selbst sind leider nicht hier. Sie sind am Stephansplatz – betteln. Klar, so kurz für Weihnachten lohnt es sich wohl am ehesten. Alle freuen sich sehr, uns (wieder) zu sehen. Trotz unserer Sprachbarriere kommen wir ins Gespräch.

Ein weiterer Mann taucht auf und möchte dolmetschen. Leider reicht auch sein Deutsch nicht aus, unsere komplizierteren Fragen zu beantworten. Aber mit Einsatz von Händen und Füßen und einigen Brocken Deutsch klappt es dann doch. Er erzählt uns gleich von seinem Sohn, zeigt uns ein Foto. Er ist 7 Jahre alt und gerade „zu Hause“ in Bulgarien. Es wäre schön, wenn wir auch Geschenke für ihn hätten. Also wieder ins Auto und einiges, von den Dingen, die wir sicherheitshalber zusätzlich vorbereitet haben, zusammengepackt.

Stille Nacht! Heil’ge Nacht! Die der Welt Heil gebracht, Aus des Himmels goldenen Höh’n; Uns der Gnaden Fülle lässt seh’n: Jesus in Menschengestalt! Jesus in Menschengestalt!

Jetzt taucht auch die nächste Familie mit zwei „unserer“ Kinder auf, und sie bringen auch noch einen kleinen Burschen mit. Zuerst übergeben wir die vorbereiteten Geschenke und finden natürlich auch noch was für den kleinen „Jesus“.

Vom Vater bekommen wir eine Strafverfügung, die er gestern bekommen hat. Bin wieder einmal erstaunt, was unser „Rechtsstaat“ für Blüten treibt (Auszug aus dem Text): „(Sie haben) an einem öffentlichen Ort um Geld oder geldwerte Sachen gebettelt. Konkret haben Sie folgende Tathandlung gesetzt: Sie saßen am Boden und schepperten mit einem Pappbecher in Richtung der vorbeigehenden Passanten und schrien diese mit den Worten „Geld, bitte geben!“ an.

Hoffentlich kann unser Anwalt auch hier etwas erreichen, denn für diese „Straftat“ € 220,- bezahlen zu müssen, fände ich mehr als unangemessen.

Stille Nacht! Heil’ge Nacht! Wo sich heut alle Macht Väterlicher Liebe ergoss; Und als Bruder Huldvoll umschloss; Jesus die Völker der Welt! Jesus die Völker der Welt!

Zurück in der Wohnung erzählt uns eine andere Frau von ihrer Familie. Sie und ihr behinderter Mann betteln hier, um die Familie zu Hause in Bulgarien zu erhalten. Ihre beiden Kinder – eines davon hat Asthma und braucht laufend Behandlung – haben sie seit Monaten nicht mehr gesehen und auch zu Weihnachten wird das Geld zum Heimfahren nicht reichen. Es ist schwer für mich, mir dieses Leben vorzustellen. Sie aber scheint einfach nur froh, dass wir ihr zuhören und dass wir die Kinder, der Familien, mit denen sie sich diese „Wohnung“ teilt, beschenken und umarmt uns immer wieder.

Bitten tut sie um nichts.

Zum Glück haben wir noch genug Einkaufs-Gutscheine und so bleibt auch sie nicht mit leeren Händen zurück. Möge auch ihr Weihnachten dadurch ein bisschen entspannter und „reicher“ verlaufen.

Stille Nacht! Heil’ge Nacht! Lange schon uns bedacht, Als der Herr vom Grimme befreit, in der Väter urgrauer Zeit; Aller Welt Schonung verhieß! Aller Welt Schonung verhieß!

Es kommen schließlich auch noch Jugendliche vorbei. Es scheint sich schon herum gesprochen zu haben, dass wir da sind. Einer ist etwas krank und trotz diesen Temperaturen nur sehr dürftig bekleidet. Leider haben wir nicht für alle passende Sachen dabei.

Alle, die wir heute angetroffen haben, bekommen noch die Informationszettel zu den nächsten Treffen der BettelLobbyWien, und wir laden ganz herzlich ein zu kommen.

Stille Nacht! Heil’ge Nacht! Hirten erst kundgemacht; Durch der Engel „Halleluja!“, Tönt es laut von Ferne und Nah: „Jesus der Retter ist da!“ „Jesus der Retter ist da!“ 

Glücklich und doch beschämt verlassen wir mit einem fast leeren Auto – eine Familie wartet noch auf uns – den 15.Bezirk. Unglaublich welche Armut und welches Elend in meiner Nachbarschaft wohnt und bewundernswert mit welcher Energie diese Menschen, um ihr Überleben und das ihrer Kinder kämpfen. Wir hoffen, dass wir zumindest ein wenig Hoffnung in diese Familien bringen konnten, indem wir ihnen vermittelt haben, dass es Menschen gibt, denen ihr Schicksal nicht egal ist und die bereit sind Anteil zu nehmen und ein wenig Unterstützung anzubieten.

Fröhliche Weihnachten wünscht Eli

PS: Ich möchte mich an dieser Stelle bei der Firma REWE für die großzügige Bereitstellung von Lebensmittelgutscheinen für die Familien, sowie bei unseren Familien für die Finanzierung der Kleidung und Geschenke – durch Verzicht auf eigene Weihnachtsgeschenke – ganz herzlich bedanken.

Außerdem danke ich an dieser Stelle all meinen KollegInnen von der BLW

https://bettellobbywien.wordpress.com/ für ihren jahrelangen Einsatz und wünsche uns allen viel Kraft auch im nächsten Jahr, diese Menschen, die ganz am Rand unserer Gesellschaft stehen, weiterhin zu unterstützen.

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