(K)ein Kasperltheater, 13.9.2013 10 Uhr, Landespolizeidirektion Wien, Schottenring 7-9

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 praterkasperlKein Kasperltheater sondern bitterer Ernst ist es für BettlerInnen, wenn Sie  beim Betteln in Wien stündlich mit Polizeistrafen rechnen müssen. Wer „Bitte, bitte“ sagt, wird für „aufdringliches“ Betteln bestraft, wer im Sitzen bettelt, bekommt eine „Behinderung des Fußgängerverkehrs“ aufgebrummt, wer mit anderen gemeinsam betteln geht, wird als „organisiertEr“ BettlerIn bestraft. Schnell kommen da innerhalb weniger Minuten einige hundert Euro an Strafen zusammen. Immer wieder senden uns verwunderte PasanntInnen Emails und berichten von den Absurditäten, die sie in den Strafverfügungen der BettlerInnen zu lesen bekommen. Die BettelLobbyWien hat diese Strafverfügungen gesammelt und der Wiener Praterkasperl wird sie im Rahmen von F13 und der wienwoche zum Besten geben. (Foto: Marlene Rahmann)

Am Freitag dem 13. September um 10 Uhr vor der Landespolizeidirektion am Schottenring 7-9

und

Am Freitag dem 13. September um 18 Uhr im Hof der Straßenzeitung Augustin, 1050, Reinprechtsdorferstraße 31

Die BettelLobbyWien präsentiert weiters ihre druckfrische Ratgeberbroschüre mit dem Titel: Betteln ist erlaubt.

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Hier finden Sie ein paar Zuschriften, wie sie die BettelLobbyWien wöchentlich bekommt:

Liebe BettelLobbyWien.

Seit einiger Zeit unterstütze ich einen alten Mann mit Kleinigkeiten, der bei einem Supermarkt Zeitungen verkauft. Er ist 74 Jahre alt und steht bei jedem Wetter den ganzen Tag draußen. Sein Verhalten ist immer sehr ruhig, höflich und freundlich. Er ist Rumäne (nennen wir ihn Herrn B.), wir verständigen uns „mit Händen und Füßen“ und im November zeigte er mir  seine Vorladung zu einer Einvernahme beim Bezirksgericht; zu diesem Termin habe ich ihn begleitet. Er wurde zu einer vermuteten Urkundenfälschung seines Zeitungsverkäufer-Ausweises befragt (es war eine Dolmetscherin anwesend) und es stellte sich heraus,daß er Analphabet ist und nicht erkannt hat, daß auf dem Ausweis ein falsches Geburtsdatum stand. Diese Sache ließ sich zu seiner vollen Entlastung klären. Im April zeigte er  mir nun eine Strafverfügung über 100.- Euro oder ersatzweise 2Tage Haft. Ich habe ihn zur Polizeistation in der Fuhrmanngasse begleitet. Die Polizeibeamtin erklärte mir, daß er den Fußgängerverkehr behindert habe, indem er auf einem Blechkübel saß. Meine Beobachtung, daß er immer abseits des Supermarkt-Eingangs ganz ruhig an der Hausmauer stand, falle nicht ins Gewicht, es sei ja nur eine Momentaufnahme. Da die Zahlungsfrist für die Strafe abgelaufen sei, könnten sie ihn übrigens gleich für den Haftantritt dabehalten. Daraufhin habe ich die Strafe bezahlt, bei der Protokollierung stellt sich heraus, daß er ein paar Tage zuvor schon wieder eine Anzeige erhalten hatte, diesmal über 200.- Euro (ersatzweise 2 Tage Haft) und zwar wieder wegen Behinderung des Fußgängerverkehrs, er sei MITTIG Im Eingangsbereich des Supermarkts gestanden, die Passanten hätten sich um ihn herumWINDEN müssen. Ich habe wieder darauf hingewiesen, daß ich so etwas bei ihm nie gesehen hätte, was wieder für irrelevant befunden wurde. Die Polizei sei angerufen worden, daß Herr B. den Fußgängerverkehr behindere und sie müßten dieser Sache nachgehen. Herr B. konnte sich nicht dazu äußern, da keine Dolmetschmöglichkeit bestand, die Strafverfügung wurde ihm ausgehändigt. Meine finanziellen Mittel reichen nicht, um ihm weiter die Strafen zu bezahlen. Ich will ihm helfen, Einspruch einzulegen – ich weiß der Erfolg ist zweifelhaft Und außerdem ist sein Einverständnis noch nicht klar – meine telefonische Dolmetschhilfe erreiche ich halt nur selten passend zu einem Treffen mit Herrn B. Ich habe noch mit dem Filialleiter des Supermarkts und einem Trafikanten in der Nähe gesprochen, ob sie Probleme mit Herrn B. hätten, sie haben einhellig versichert, daß er ein sehr höflicher und zurückhaltender Mensch sei, immer korrekt. Vor ein paar Tagen wurde er nochmals angezeigt, wieder auf einen Anruf hin. Das hat mir der Trafikant erzählt, sie hatten Herrn B. auch weggeführt, die Polizistin hätte außerdem gesagt, wenn Herr B. immer auf und ab gehen würde, und nicht stehen, dann wäre es kein Problem. Was mir ein weiteres Rätsel ist.

A.T.

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Email von einem Mitarbeiter einer Wiener Sozialeinrichtung:

Sehr geehrte BettelLobby,

vielen Dank für das telefonische Gespräch von vorher und wie vereinbart schicke ich Ihnen im Anhang die Strafverfügung von Hrn. K. Wie bereits gesagt ist Hr. K ungarischer Staatsbürger und lebt in Wien. Sein Einkommen ist niedrig und er muss hin und da betteln.

Er ist telefonisch nicht erreichbar da er kein Telefon hat. Er meint, dass er zuhause meistens abends bzw. in der Früh erreichbar ist. Ich habe mit ihm vereinbart, dass er am Nachmittag zu uns ins Zentrum kommt um weitere Informationen zu bekommen bzw. weitere Vorgehensweise zu besprechen.

Mit vielen freundlichen Grüßen
H

Anmerkung der BettelLobby:

Herr K. hat Einspruch gegen die Strafverfügung gemacht, weil er weder „aufdringlich“ noch „aggressiv“ gebettelt hat.  Bemerkenswert bei dieser Strafverfügung ist auch, dass Herr K. beim Betteln in der Ubahnstation Friedensbrücke  „Passanten behinderte, das Geschäftslokal Hofer zu betreten“ – siehe Seite 3 der Strafverfügung. Der nächste Hofermarkt befindet sich am anderen Donaukanalufer einige hundert Meter kanalaufwärts. Herr K. hätte sich beim Betteln also zweigeteilt haben müssen, auch die ihn dabei beobachtenden PolizistInnen…

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