Die imaginierte „Bettlerflut“

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imagbettlerflutBelege für eine Mafia, die BettlerInnen ausbeuten würde, gibt es bis heute nicht. Dafür haben die BuchautorInnen Barbara Tiefenbacher und Stefan Benedik Roma und Romnija getroffen, die mit ihren Betteleinnahmen die Bildung ihrer Kinder finanzieren. Ein Gespräch über gekürzte Sozialhilfe, Profite österreichischer Firmen in Osteuropa und die Schaffung einer Feindbild-Metapher. Interview: Ulli Gladik, Peter A. Krobath. Erschienen im MO Magazin für Menschenrechte

MO: Euer Buch heißt „Die imaginierte ‚Bettlerflut‘“. Woher kommt dieses Bild einer Naturkatastrophe im Zusammenhang mit Menschen?

Stefan Benedik: Dass man Migration in Bildern von Naturkatastrophen wahrnimmt, hat es schon Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA gegeben, wo sich die USA als eine Insel darstellen, die von einer überwältigenden Masse an Migranten und Migrantinnen überschwemmt werden. In Graz hat sich die Metapher der Flut auf die Bettelnden fokussiert. Bei einer Flut muss man nicht darüber reden, ob sie gut oder schlecht ist, sie ist ganz klar eine Katastrophe. Und es gibt sofort eine Menge sprachlicher Anknüpfungen wie „eindämmen“ und „verhindern“. In Wirklichkeit hat es in Graz nie eine Menge an Bettelnden gegeben, und es haben die Bettelnden auch keine sozialen Probleme verursacht, in dem Sinn, dass das Einkaufen eingeschränkt oder es zu Streitereien unter den Bettelnden gekommen wäre. 

MO: Werden diese Bilder von den Medien geprägt oder übernehmen die Medien nur die Sicht ihrer KonsumentInnen?

Benedik: Im Grazer Fall wurde das Bild der „Bettlerflut“ zuerst politisch von einer lokalen Bezirksorganisation der FPÖ aufgebracht und ist dann über die Kronen Zeitung zur Politik zurückgelangt, bis hin zum Bürgermeister Siegfried Nagl. Es gibt von 1996 bis 2012 so etwas wie eine Radikalisierung, die Metapher wird über die Jahre salonfähig und schließlich sogar von einer bettlerfreundlichen Organisation verwendet, einer katholischen NGO. Wenn diese Bilder ständig wiederholt und auch nicht hinterfragt werden, setzen sie sich auch durch.

MO: Was war nun der Fokus eurer Untersuchungen?

Barbara Tiefenbacher: Während sich Stefan den Grazer Mediendiskurs der vergangenen 20 Jahre angeschaut hat, ist es mir darum gegangen, die soziale Realität der Bettler und Bettlerinnen anzuschauen. Wir haben sie in der Steiermark und teilweise auch in ihren Herkunftsregionen interviewt. Das war noch vor der Einführung des Bettelverbots im Mai 2011. Wobei die Meisten aus der Südslowakei stammten, aus dem slowakisch-ungarischsprachigen Bezirk Rimavská Sobota/Rimaszombat.

MO: Sind das vor allem Roma und Romnija?

Tiefenbacher: Interessant ist, dass sie in der Steiermark und auch in der Herkunftsregion als Roma und Romnija wahrgenommen werden, sie selbst sich aber der ungarischen Community näher fühlen. Ihre Erstsprache ist Ungarisch, in der Schule lernen sie auch Slowakisch. Da sie als Roma und Romnija wahrgenommen werden, die in der Slowakei vielfachen Diskriminierungen ausgesetzt sind, haben sie einen schlechteren Zugang zum Bildungssystem und zum Arbeitsmarkt.
In Rimavská Sobota florierte während des Kommunismus die Lebensmittelproduktion, es gab eine große Zuckerfabrik, eine große Fleischverarbeitungsfabrik, eine Bierbrauerei, Tabakanbau. Nach der Wende sind dort sehr viele Arbeitsplätze verloren gegangen. Heute liegt die Arbeitslosigkeit bei 35 Prozent, davon sind alle Volksgruppen betroffen. Die Leute sind von Sozialleistungen abhängig, welche aber in den letzten Jahren drastisch gekürzt wurden.

MO: In Österreich hört man oft das Argument: Wir können nicht die sozialen Probleme anderer Länder lösen. Inwieweit sind wir wirtschaftlich an der Entwicklung in diesen Regionen mitbeteiligt?

Tiefenbacher: In Rimavská Sobota hat z. B. die Agrana, die u.a. der Raiffeisen gehört, die lokale Zuckerfabrik aufgekauft, wo die Leute aus der Umgebung Zuckerrüben hingeliefert haben und in der Fabrik gearbeitet haben. Heute steht nur noch ein Fabrikschlot.
Benedik: Es ist nach 1989 in den ehemaligen Ostblockländern eine rabiat neoliberale Politik implementiert worden, von der viele österreichische Firmen profitieren. Sie kaufen Unternehmen auf, nutzen sie für einige Jahre aus, quasi auch als Billiglohngebiet innerhalb Europas, und lassen sie dann komplett auf, ohne die Struktur vor Ort irgendwie zu berücksichtigen. Diese Zusammenhänge mit der Bettelmigration bleiben bei uns völlig unreflektiert.

MO: Wenn ihr von Migration redet, was ist damit im Fall der Bettelnden konkret gemeint? 

Tiefenbacher: Die meisten haben nicht vor, permanent ihren Lebensmittelpunkt nach Österreich zu verlegen. Die Personen aus der Slowakei kommen für zwei, drei Wochen, um durch Betteln, Straßenzeitungsverkauf oder Gelegenheitsjobs etwas zu verdienen. Die Leute aus Rumänien und Bulgarien bleiben meist einige Monate. Die Betteleinnahmen belaufen sich auf 5 bis 30 Euro pro Tag. Danach fahren sie zurück in ihre Herkunftsregionen, wo sie das Geld für die Lebenserhaltungskosten der Familie, für vom Staat nicht bezahlte Medikamente oder für die Ausbildung der Kinder verwenden. Ich hab z. B. in der Slowakei eine Pädagogin kennengelernt, deren Ausbildung ihr Vater durch Bettelmigration in die Steiermark finanziert hat.

MO: Und wie kommen sie zu uns? Oft ist davon die Rede, dass sie das nicht freiwillig tun, sondern in Bussen „angekarrt“ würden…

Tiefenbacher: Die Menschen organisieren sich selbst in Fahrgemeinschaften. Man spricht sich in kleineren Gruppen ab, unter Verwandten oder NachbarInnen, um die Kosten für’s Benzin zu teilen. Dazu muss man sagen, dass die Bettlerinnen und Bettler sehr wohl über diese stereotypen Wahrnehmungen von Mafia und Hintermännern informiert sind, sie leben nicht in einer Blase. Ein Interviewpartner meinte einmal: Vielleicht hat uns wer dabei gesehen, wie wir das Geld bei der Tankstelle zusammengelegt haben und vielleicht glauben sie deshalb, dass uns da wer ausbeutet.
Benedik: Rassistische Stereotype sind enorm zählebig. Auch wenn der Grazer Polizeipräsident im Zuge der Debatte um das Bettelverbot 2011 öffentlich und in Zeitungsinterviews betont, es gibt nach jahrelangen Untersuchungen keine Hinweise auf eine Bettelmafia, ändert das nichts daran, dass die gesetzgebenden Parteien dann in ihrem Gesetzesantrag ausbeuterische Strukturen als wesentlichen Grund für das Bettelverbot hineinschreiben. Es ist leider so, dass hier Information und Aufklärung an den Stereotypen und der Kriminalisierung gar nichts ändert.

MO: Warum führen wir dann dieses Gespräch, wenn das so hoffnungslos ist?

Benedik: Nein, hoffnungslos ist es nicht. Graz ist ja auch deswegen ein interessantes Beispiel, weil hier einige hundert Menschen auf die Straße gegangen sind, um für das Recht auf Betteln und gegen ein Bettelverbot zu demonstrieren. Das ist in Europa einzigartig. Und auch wenn so eine Lobbyarbeit für die Bettelnden die Stereotypen nicht aus der Welt schaffen kann, so kann sie doch auch andere Bilder und Informationen über die Lebensrealität der Bettelnden in die Welt setzen und so ist es z. B. in Graz mittlerweile politisch unmöglich, die 80 bis 100 Bettlenden, die es hier gibt, wirklich zu vertreiben.

MO: Es gab eine Studie vom European Roma Rights Center, die immer wieder zitiert wird, in der von Kindern die Rede ist, die zum Betteln gezwungen würden.

Tiefenbacher: Es gibt generell wenig Wissen zu diesem Thema. Personen, die in Europa im wissenschaftlichen Kontext arbeiten, haben keinerlei Hinweise auf Ausbeutung oder hierarische Strukturen unter Bettelnden entdeckt. Fragwürdig bei dem von dir angesprochenen Bericht ist, dass hier als Beleg die British Yellow Press herangezogen wurde, also unseriöse Boulevardmedien.
SB: Dazu muss man wissen, dass die Idee des Menschenhandels heute vermehrt dafür instrumentalisiert wird, migrationsfeindliche Maßnahmen durchzusetzen.

MO: Warum braucht man dieses negative Bild von Bettlerinnen und Bettlern? Was hat das für eine Funktion?

Benedik: Es gibt ein Erklärungsmodell aus der Ethno-Psychoanalyse, dass das Schlechte im Eigenen auf das Fremde projiziert wird. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der Ausbeutung drastisch zunimmt und immer mehr Leute in prekären Arbeitsverhältnissen leben. Und da wird dann plötzlich die Wahrnehmung der Ausbeutung projiziert auf eine Gruppe von außen. Das ist jetzt stark vereinfacht, aber es gibt diese Projektionen. Und es gibt einen Rassismus, der über eine Reaktion auf das Angebetteltwerden auf der Straße weit hinaus geht.

Barbara Tiefenbacher (Universität Wien) ist Slawistin und Romistin, Stefan Benedik (Universität Graz) ist Historiker und Kulturwissenschafter.

Buch
http://www.drava.at/katalog.php?sis=f031b3f733b8467c36bad9d67a2dd907&ansicht=einzeln&titel_ID=693
Die imaginierte „Bettlerflut“
Konstruktion, Organisation und Positionierungen in temporären Migrationen von Roma und Romnija
Stefan Benedik, Barbara Tiefenbacher und Heidrun Zettelbauer
Drava Verlag, 96 Seiten

 

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