Schutzlose Unsicherheitsherde

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bettlerstachmichnieder«Die Bürger fühlen sich gestört» – Bettler_innen sind also keine Bürger_innen?

Dass sich Ereignisse und Entwicklungsstufen der Gesellschaft und Geschichte in Zyklen wiederholten, wollen wir nicht annehmen: Die Chancen, gerechtere Verhältnisse zu erkämpfen, wären dann gering. Die Anhänger_innen der Zyklen-Theorie haben ein starkes Argument: Die Krise wird stärker, und die Schutzlosesten werden zu Sündenböcken aufgeblasen. Wie das schon immer der Fall war. Die auflagestärksten Blätter Österreichs intensivieren ihre Anti-Bettler_innen-Kampagne.  Von Robert Sommer. Erschienen im Augustin 341. Foto: Krone

Der «Kurier» ist seinem Selbstverständnis nach seriöser als die führenden Massenzeitungen, die zum Teil Gratiszeitungen sind. Dennoch: Bettler_innen kommen in seiner Berichterstattung fast ausschließlich als Plage vor. Eine kleine Chronologie der «Bettler»-Schlagzeilen, die das erschreckende Verschwinden von Humanität aus dem Tagesjournalismus des Raiffeisen-Blattes ausdrückt:

Bauchstich: Mutter wollte Bettler keine zwei Euro geben

Pensionist in seinem Haus von Bettlern geschlagen

„Bettler“ waren ganz freche Diebe

Trotz Verbots: Immer mehr Bettler in Städten

Bettler im privaten Möbellager

St. Pölten: Bettler-Plage, die urbane Kehrseite

Krems: Ärger über „Invasion“ der Musiker und Bettler

Frau von vermeintlichen Bettlern ausgeraubt

Bettler müssen Papst weichen

Von den neun jüngsten Schlagzeilen des «Kurier», die den Begriff Bettler enthalten, luden acht zu Texten ein, in denen bettelnde Menschen als eine Gefahr dargestellt sind. Ein einziger Titel («Bettler müssen Papst weichen») drückte ein gewisses Mitleid mit den Bettler_innen aus, was aber der Hauptbotschaft des entsprechenden Artikels untergeordnet war, dass es im kommunstischen Kuba trotz der führenden Gerechtigkeitsideologie Bettler_innen gäbe. 100 von ihnen wurden aus dem öffentlichen Raum entfernt, als der Papst Havanna besuchte.

Wenn, wie bei einem Vorfall in der Favoritner Fußgängerzone vor ein paar Wochen, von einem mutmaßlichen Bettler Gewalt ausgeht, ist dieser Vorfall die Hauptmeldung des Tages – da kann die EU-Troika noch so viele Millionen mit einem einzigen Dekret in die Armut stürzen. Das Opfer des Bettlers ist «schön», «hübsch» und blond (das beweisen die Fotos zu den Artikeln), und sie ist «Mutter». «Schönes Opfer ist außer Lebensgefahr», informierte «Österreich» plakativ. Um die Schwarz-Weiß-Stereotypie komplett zu machen, muss beim Täter der Ekelfaktor erhöht werden. Wenn er nicht erfreulicherweise «pockennarbig» gewesen wäre, hätten die Kriminaljournalist_innen Äquivalente hervorgeholt. Man hätte viellecht eine aggressive Tätowierung an seinem Körper entdeckt. Oder seine Hautfarbe als dunkel beschrieben.

Die oben zitierten Schlagzeilen, und die vielen ähnlichen in ähnlichen Medien, verbreiten eine Botschaft: Anständige Leute! Macht einen großen Bogen um die Bettler, denn – wie ihr gestern last – ihr unterstützt die Mafia, wenn ihr Almosen gebt, und – wie ihr heute lest – könnt ihr jederzeit ein Messer im Bauch haben! Und sie verbreiten eine Metabotschaft: Diese Stadt wird immer unsicherer! Mehr Polizei in Wien!

Nachdenkliche Stimmen gehen in diesem Unsicherheitstheater unter, und wo sie doch eine Plattform finden, erreichen sie viel weniger Menschen als die Meutezeitungen. Bernd Vasari sammelte für seinen Atikel in der Wiener Zeitung vom 23. März solche Stimmen der Vernunft:

«Im Jahrestakt kommt es zu neuen Novellen mit teilweise massiven Einschnitten, die meistens zu einer Verschlechterung der Betroffenen führen», bestätigt Rechtsanwalt Christian Schmaus. Barbara Weichselbaum vom Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte zählt das Wiener Landessicherheitsgesetz, das Sicherheitspolizeigesetz und die Straßenverkehrsordnung auf und

kritisiert die «bunte Bandbreite», nach der Bettler bestraft werden können. Zudem gebe es in Österreich verschiedenste Definitionen, was etwa aggressives und aufdringliches Betteln sei. In Oberösterreich ist es «unaufgefordertes Begleiten oder Beschimpfen», in Niederösterreich «jede Aktivität, die über das bloße nicht behindernde Sitzen hinausgeht». Die teils schwammige Auslegung der Gesetzgebung stellt auch die Polizei vor große Herausforderungen, wie Friedrich Kovar, Referent für Menschenrechte an der Landespolizeidirektion Wien zugibt. Dennoch sei die Polizei für «soziale Stadtbildpflege» und das Umsetzen der Gesetze zuständig. Und diese entstehen durch die Volksvertreter einer Bevölkerung, die größtenteils nicht mit Armut umgehen könne und diese daher auch nicht sehen will, sagt er. Marion Thuswald von der Bettellobby ist damit nicht einverstanden: «Manchmal müsste die Polizei sagen: Wir sind nicht zuständig.» Die Bürger würden sich gestört fühlen? Das würde ja heißen, dass Bettler gar nicht als Bürger gesehen werden, sagt Thuswald, und weiter: Es sei ein gesellschaftliches

und kein rechtliches Problem. Anlass zur Sorge bereitet ihr auch das Heraufbeschwören einer Bettelmafia, wo die Polizei bei der Verbreitung dieser Vermutung ein wichtiger Akteur sei. Es gäbe aber keine Beweise für eine Bettelmafia, ist sich Thuswald sicher. Das bestätigt auch Friedrich Kovar.

Wieviel Donau wird noch nach Rumänien fließen, bis der letzte Satz dieses Ausschnitts aus der Wiener Zeitung zu einem Covertitel der Kronenzeitung wird: FRIEDRICH KOVAR, LANDESPOLIZEIDIREKTION WIEN: KEINE BEWEISE FÜR EINE BETTELMAFIA!

Und wieviel Donau wird fließen, bis man einem Polizeisprecher ins Wort fällt, der von «sozialer Stadtbildpflege« spricht? Zu einer Sprache, die Bettler_innen zu Stadtbildverschandlern macht, hat Elfriede Jelinek gemeint: man müsse sofort den Ideologiecharakter der Worte hervorzwingen. Die Sprache dürfe man nicht sich ausruhen lassen: «Man muss die Sprache, auch wenn sie es nicht will, zwingen, diese Verlogenheiten preiszugeben».

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2 Antworten to “Schutzlose Unsicherheitsherde”

  1. marikaschmiedt Says:

    Reblogged this on marikaschmiedt.

  2. Robert Says:

    Also ihr schreibt hier eigentlich nur das man nicht sagen sollte das ein „Bettler“ die Frau niedergestochen hat. Auch wenn er eine dunklere Hautfarbe hat, sollte man das nicht sagen. Genau so wenig wie wenn er eine Tattoo hätte mit zb. 2 Messer. Weil das ja auch nichts über einen Menschen aussagt was er sich für ein Tattoo stechen lässt.
    So wie ich das lese sollte man eigentlich die „Wahrheit“ nicht sagen so das sich keiner sein eigenes Bild machen kann.
    Also sorry. Aber wenn zb. ein Bettler aus Rumänien jemanden nieder Sticht dann ist das eben ein „BETTLER AUS RUMÄNIEN“ und nichts anderes. Wenn ein Wiener Arbeitsloser seine Frau erschlägt schreit auch keiner das da nicht „Wiener“ und Arbeitslos“ stehen darf.
    Die Wahrheit zu ändern indem man etwas weglasst ist genauso schlecht wie wenn man etwas erfinden würde.
    Und FAKT ist das die Frau niedergestochen wurde weil sie nichts hergeben wollte!! Aber von euch kein Wort über die arme Frau.
    Eure Berichterstattung wäre: „Lebewesen von Lebewesen niedergestochen“

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