Hochburg der „Bettelmafia“?

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gumpendorferstraßeEs gibt viele solcher Häuser in Wien: abbröckelnder Putz, feuchte Mauern, Sperrmüll im Innenhof. Warum ein Haus in der Wiener Gumpendorferstraße von 200 Polizei- und MagistratsbeamtInnen gestürmt wurde, hat wohl andere Ursachen: Hier wohnen auch ZeitungsverkäuferInnen und Flüchtlinge. Weil einige der BewohnerInnen auch schon mal bettelten und noch dazu aus Rumänien stammen, wurden sie von BehördensprecherInnen in den Medien als „Bettelbanden“ diffamiert. (Die rumänische Übersetzung finden Sie hier.)

Ein Lokalaugenschein der BettelLobbyWien. 

Foto: Von Behörden und Medien als „Bettelmafia“ diffamiert: BewohnerInnen eines Hauses im 6. Bezirk.

Schon vor Weihnachten bezeichnete die Krone das Haus in der Gumpendorferstraße als „Hochburg der Bettelmafia“ und provozierte damit  rassistische Postings. Auch ÖVP Sicherheitssprecher Wolfgang Ulm fühlte sich auf den Plan gerufen: „Die Behörden müssen endlich handeln!“ forderte er unisono mit der Kronenzeitung.

Zu Besuch bei der „Mafia“

Am 20.12. besuchte ich erstmals das Haus in der Gumpendorferstraße. Es war Abend. Ein Freund fragte mich, ob ich nicht Angst hätte, alleine in das Haus zu gehen. Ich hatte keine Angst, denn mittlerweile weiß ich, dass das Urteil des Boulevards mit der Realität selten etwas zu tun hat. Vor allem wenn es um Minderheiten geht. Und ich wurde freundlich aufgenommen. Robi, ein junger Mann aus Pitesti/Rumänien, war der erste, den ich traf. „Hier ist nicht die Mafia, hier sind eher die Armen“, lacht er und zeigt mir die Zimmer-Küche Wohnung, in der er mit Eltern, Schwester, Bruder, Cousin, Onkel und dessen Frau wohnt. Die Wände sind zartrosa bemalt, auf den vielen Betten und Sofas liegen bunte Tücher. Ich werde aufgefordert mich zu setzen und  bekomme eine Cola angeboten. Robi und seine Familie sprechen Deutsch. Seit acht Jahren sind sie in Österreich. Schlagen sich so durch. Wohnen mal hier mal da. „Es ist immer noch besser, als in Rumänien“, sagt Robis Mutter. Denn dort habe die Familie zwar ein Haus, aber nichts zu essen.  „Früher war ich Landarbeiter“, erzählt Robis Vater. In Österreich hat er manchmal Gelegenheitsjobs, viel zu selten aber. Meist verkauft er „The Global Player“. 10 bis 12 Zeitungen könne er täglich verkaufen, vor Weihnachten sogar bis zu 20 Euro am Tag verdienen, weil die Menschen auch bereit sind zu spenden. Doch wenn keine Festtage sind, ist es viel härter. Auch die anderen verkaufen „The Global Player“. Robi fährt täglich nach Schwechat, denn in Wien sind die besten Plätze schon besetzt.

Wiener Mietzinshorror

500 Euro kostet die kleine Wohnung. Wenngleich die Familie weder Kaution, noch Provision zahlen musste. „Es ist sehr schwer für uns eine Wohnung zu finden“, erzählt mir Robis Vater. Wer in letzter Zeit eine Wohnung gesucht hat, weiß wovon er spricht: hohe Mieten, drei Monatsmieten Kaution und Provision müssen sofort bezahlt werden. Rassistische Vergabepolitik steht ebenso auf der Tagesordnung wie die Ausgrenzung von Schlechterverdienenden, Erwerbsarbeitslosen oder Selbständigen. Wer in Wien eine Wohnung will, muss ein möglichst hohes und fixes Einkommen nachweisen können. Für Menschen, die von der Hand in den Mund leben, ist es aussichtslos. Außer eben in gewissen Häusern. Dort, wo VermieterInnen rausgefunden haben, dass kleinste Wohnungen mit minimalster Ausstattung lukrativ an Armutsbetroffene, die auch Schimmel, Dunkelheit und Lärm in Kauf nehmen, vermietet werden können. „Wir haben schon in vielen Häusern gewohnt, mal ist es besser, mal ist es schlechter. Teuer ist es immer,“ erzählt mir Robis Vater. Der Vermieter in der Gumpendorferstraße sei aber ein guter Mensch, sagen mir mehrere HausbewohnerInnen. Dem Hausmeister gebe ich meine Nummer, mit der Bitte, der Vermieter möge mich anrufen. Am nächsten Tag ruft mich Prosper Novak an. Er ist ein Mitarbeiter jenes Mannes, der das Haus in der Gumpendorferstraße vermietet. „Die Leute flehen uns an, ihnen Wohnungen zu geben“, erzählt Novak. „Wir sind keine Spekulanten. In der Gumpendorferstraße gab es keine Altmieter“, versichert er mir, als ich den Verdacht äußere, dass das Haus „entmietet“ werden soll, wie es am Wiener Häusermarkt oft üblich ist um ein Haus dann „wertoptimiert“ neu vermieten oder verkaufen zu können. Für das Haus in der Gumpendorferstraße gab es schon mal einen Abrissantrag. Anzunehmen ist, dass die Menschen hier solange eine Bleibe haben, bis es konkrete Pläne mit dem Haus gibt.

Der Großeinsatz

Am 22. Jänner kam es zum Großeinsatz: 15 MagistratsbeamtInnen und knapp 200 PolizistInnen stürmten das Haus. AnrainerInnen fühlten sich durch die Anwesenheit der Menschen in der Gumpendorferstraße belästigt und hatten die Behörden alamiert. Alle BewohnerInnen wurden überprüft. Kinder wie Erwachsene mussten bis zu vier Stunden in der Kälte stehen und warten. Einige hatten nicht einmal die Gelegenheit sich warm anzuziehen. Die MitarbeiterInnen von Bau-, Gesundheitsamt und Wien Energie kontrollierten die Wohnungen. Man fand nicht genehmigte Zwischenwände, in einigen Fällen illegale Stromentnahme und auch BewohnerInnen, die nicht aufrecht gemeldet waren.

„Paukenschlag im Massenquartier der Bettlermafia“ titelte die Krone tags darauf und „Österreich“ bezeichnete das Haus als „Hauptquartier der Bettler-Bande“. Laut Polizei wären hier 193 Menschen untergebracht, hieß es in „Österreich“, die am Naschmarkt und in der Innenstadt „organisiert“ und „aggressiv“ bettelten. Da ich rausfinden wollte, wie es zu dieser Zeitungsmeldung kam, rief ich bei der Pressestelle der Landespolizeidirektion an. Dass die 193 BewohnerInnen am Naschmarkt oder in der Innenstadt „aggressiv“ und „organisiert“ bettelten, konnte mir Polizeisprecherin Adina Mircioane nicht bestätigen. „Nur weil das in der Zeitung steht, heißt das nicht, dass das stimmt.“ Mit dem Begriff „Bettlermafia“ ging die Polizeisprecherin aber ebenso locker um wie die Kronenzeitung. Denn „die meisten Personen, die dort vorgefunden wurden, sind vorwiegend aus Rumänien und aus der Bettelszene bekannt.“ Kann man deswegen von „Bettlermafia“ sprechen?„Das kann man durchaus sagen, denn sie sind vermehrt hier. Dass sie miteinander arbeiten, dass sie miteinander kooperieren, ist uns bekannt,“ so Mircioane.

Außerdem waren mehrere BewohnerInnen in der Bettlerkartei vermerkt. Es gibt also eine Bettlerkartei? „Ich weiß nicht, ob das jeder Bezirk hat, aber vor allem die Inspektionen jener Bezirke haben das, wo vermehrt Bettler auftreten.“ Eine Kartei also, wo BettlerInnen, die der Polizei auffallen, registriert werden? „Die ist nur für den internen Gebrauch,“ beschwichtigte Mircioane. Hinweise auf Hintermänner fand man in der Gumpendorferstraße nicht. Als ich nochmals nachfrage, warum man die Leute dann als „Bettelmafia“ bezeichnen könnte? „Sie sind aus der Bettlerszene bekannt“.

Das Gespräch mit Polizeisprecherin Mircioane verstärkte meinen Eindruck, dass Menschen die gemeinsam betteln oder Informationen zum Betteln austauschen in der Polizeiauslegung für „organisiertes“ Betteln bestraft und als „Bettelmafia“ betrachtet werden. Ich frage nochmals schriftlich bei der Polizeipressestelle nach, was „organisiert Betteln“ heißt und wann jemand als „organisierter Bettler“ gilt. Doch diese Frage blieb unbeantwortet. Auf die Frage, was die Polizei im Allgemeinen über die so genannten „Hintermänner“ weiß, bekomme ich die Antwort, „dass nur in Einzelfällen angegeben wird, dass das erbettelte Geld abgeliefert werden muss, und dass dann hierzu naturgemäß weitere Ermittlungen erfolgen.“ Meine Frage, wie viele „Hintermänner“ der Polizei bekannt sind, blieb ebenfalls unbeantwortet.

Als ich gemeinsam mit anderen BettelLobbyistInnen und Birgit Hebein von den Wiener Grünen nach dem Einsatz das Haus besuchte, fanden wir es unverändert vor. Auch diesmal wurden wir gastfreundlich aufgenommen und von mehreren Familien in ihre Wohnungen eingeladen. Viele von ihnen stammen aus Rumänien und zählen sich zur Volksgruppe der Rudari. Die meisten verkaufen Zeitungen oder haben Gelegenheitsjobs. Sie haben von NachbarInnen und Verwandten erfahren, dass es in Österreich die Möglichkeit gibt, dem Verhungern zu entkommen. „Die Polizeieinsätze sind wir gewöhnt“, berichtete eine Frau, „aber diesmal war es sehr beängstigend, weil es so viele PolizistInnen waren und wir nicht wussten, was passiert.“ Auf unsere Fragen, ob sie wüsste, dass im Haus jemand Geld an „Hintermänner“ abführen muss, schüttelt die Frau den Kopf. „Wie soll das gehen, wir verdienen ja fast nichts, da könnten wir uns ja nicht mal die Miete leisten“. „Das wird immer behauptet, weil man uns loswerden will“, mischt sich ein junger Mann ein.

Auch auf „Wien heute“ gab es einen Bericht über den Einsatz in der Gumpendorferstraße. Die im Beitrag verwendete Sprache war ebenso diffamierend und populistisch wie in den zitierten Printmedien. Als „Horrorhaus“, als „Massenquartier für BettlerInnen“  bezeichnete man hier das Haus. Und von dreckigen Zimmern war die Rede, obwohl der Beitrag Bilder sauberer Zimmer zeigte, in denen sich die BewohnerInnen so gut wie möglich eingerichtet haben. Der Leiter des Büros für Sofortmaßnahmen, Walter Hillerer, kam hier zu Wort und bezeichnete die BewohnerInnen als „rumänische Bettelbanden“. Als ich im Büro für Sofortmaßnahmen nachfrage, wie es zu dieser Bezeichnung kommt, heißt es: „Es gibt Hinweise, dass ein Teil der Bewohner der Bettelei in Wien nachgeht. In dem Haus wohnen hauptsächlich rumänische Staatsbürger.“

Einige Tage später schickte die BettelLobbyWien einen offenen Brief an Bürgermeister Häupl, worin wir kritisierten, dass BeamtInnen mit ihrer Begriffswahl zusätzlich Öl ins Feuer der Hetze gießen, die ohnehin gegen armutsbetroffene Menschen aus Osteuropa betrieben wird. Wörter wie „Bettelmafia“ oder „Bettelbanden“, ausgesprochen von offiziellen BehördenvertreterInnen, lassen sich bestens dazu benutzen, Beiträge zu verfassen, die armutsbetroffene Menschen aus Osteuropa kriminalisieren und antiziganistische Stereotype bedienen (dreckige Wohnungen, Ausbeutung, Mafia). Behörden sollten sachlich informieren, statt zu diffamieren und zu verunsichern, forderten wir. Eine soziale Politik sollte armutsbetroffenen Menschen helfen und sich nicht gegen sie richten. Schon gar nicht Sündenböcke schaffen. Doch bis man seitens der Verantwortlichen der Stadt Wien erkennt, dass diese Art des Umgangs den Boden für eine Verschärfung sozialer Problemlagen und für weitere Wahlerfolge der rassistischen Rechten aufbereitet, muss wohl noch viel Zeit vergehen. Eine Antwort bleibt uns Bürgermeister Häupl übrigens bis heute schuldig.

(Ulli Gladik) 

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3 Antworten to “Hochburg der „Bettelmafia“?”

  1. Centrul “mafiei de cersetori”? | BettelLobbyWien Says:

    […] « Hochburg der „Bettelmafia“? […]

  2. Wie wird man eine „Bettelmafia“? | BettelLobbyWien Says:

    […] und Journalistin. Ihre Recherchen führten Sie immer wieder in die von der Polizei so genannten „Hochburgen der Bettelmafia“. Häuser, wo nicht die Mafia, sondern armutsbetroffene Familien wohnen. Die Grundlage dieses Textes […]

  3. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Wie wird man eine „Bettelmafia“? Says:

    […] Journalistin. Ihre Recher­chen führ­ten Sie immer wieder in die von der Polizei so genann­ten „Hochburgen der Bettelmafia“. Häuser, wo nicht die Mafia, sondern armuts­betrof­fene Fami­li­en wohnen. Die Grund­lage […]

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