Vertreibung und Diffamierung von Armutsbetroffenen im „heiligen“ Land Tirol

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„Nach jahrhundertelanger Vertreibungspolitik ist es nun an der Zeit, auch der Volksgruppe der Sinti und Roma Gastfreundschaft gegenüber zu üben und für ein friedliches Miteinander einzustehen.“ fordert der Verein Ketani. Der Verein setzte seine Forderungen auch um, er schuf Plätze für Durchreisende in Oberösterreich und berät Kommunen, solche zu errichten. (Foto: Verein Ketani) Zu hoffen bleibt, dass Ketani auch bald dem Land Tirol bzgl. Gastfreundschaft helfen wird. Denn dort dürfen armutsbetroffene Familien bislang nicht mal unter der Autobahnbrücke übernachten. Trotz Proteste und Visionen  wurden den Familien am Donnerstag „Entfernungsbescheide“ überreicht. „Es hat intensive Gespräche mit einer Dolmetscherin gegeben“, schreibt die Tirolerwoche, was die Menschen der Dolmetscherin erzählt hatten, darüber darf aber der Terfenser Bürgermeister mutmaßen: „Anscheinend wurden die Personen mit Autos vor Ort gebracht und sind wahrscheinlich nur das Werkzeug für irgendwelche Machenschaften, da ihnen Arbeit in Tirol versprochen wurde“. Wenn das tatsächlich die Übersetzungen der Dolmetscherin sind, wäre  „wahrscheinlich“, „anscheinend“ und „irgendwelche“ wohl nicht notwendig gewesen. Spannend auch eine weitere Aussage des Bürgermeisters: „Wir wohnen in einem Rechtsstaat und in einer Demokratie, aufgrund der gesetzlichen Möglichkeiten war es nicht so einfach eine zufriedenstellende Lösung zu finden“. Hatten die Menschen also ein Recht darauf, unter der Autobahnbrücke zu campieren? Die Tirolerwoche hat sicher nicht zufällig zwei weitere Artikel auf diese Seite gestellt: eine Werbung für eine Veranstaltung „Sicher Tirol“ und eine Kurzmeldung über den „mysteriösen“ Goldenen-Dachl-Schindeldiebstahl. Siehe Seite 5. 

Die Vertreibung geht weiter

„In den Völser Innauen wurden 15 Erwachsene und sieben Kinder aufgegriffen. Manche von ihnen waren zuvor in Terfens“ schreibt die Tiroler Tageszeitung einige Tage später – eine weitere Variation des von Bezirkshauptmannstellvertreter Löderle vorgebrachten Gerüchts, dass es sich bei den rumänischen Familien um „Leute, die sehr, sehr gut organisiert sind“  handle und dass sie „aus Rumänien hierher gebracht und nach einer Woche wieder ausgetauscht“ werden. Dieser Artikel berichtet aber auch über die österreichweiten Proteste, die eine Gruppe von Tiroler Politologinnen ausgelöst hatte, denn auf ihren Aufruf reagierten nicht nur die BettelLobbyWien,  die Vinzenzgemeinschaft Graz sondern auch viele weitere Organisationen, NGOs und Privatpersonen. Unzählige Protestmails und Anrufe erhielten die BH Schwaz und die Gemeinde Terfens.

Forderung  nach „langfristiger  Lösung der Roma‐Frage“ ?

ist hier in der Tiroler Tageszeitung vom 22.4. zu lesen. So haben das die Politologinnen, die hier zitiert werden, sicher nicht formuliert, denn abgesehen von der Absurdität dieser Formulierung, wäre ihnen die haarsträubende Parallele zur nationalsozialistischen Forderung aufgefallen, was mensch von den JournalistInnen der Tiroler Tageszeitungen offensichtlich nicht erwarten darf.  Was die Protestierenden tatsächlich fordern, ist ein anderer Umgang mit Armutsbetroffenen: etwa die Einrichtung von Durchreiseplätzen, wie  es sie bereits in Oberösterreich gibt.  Denn „die fehlende sanitäre Ausstattung und damit verknüpfte prekäre Verhältnisse werden den Betroffenen allzu oft als kulturelles Kennzeichen aufgedrückt“, sagt Erika Thurner. „Alte Vorurteile brechen auf.“ Die Politologin fordert, dass die Geschichte der Roma in Bildungsprogramme einfließt. So könne das Thema enttabuisiert werden.“ (Zitat Tiroler Tageszeitung). Dieses „Kennzeichen-Aufdrücken“ ist davor tagelang von den Tiroler Medien und Politikern praktiziert worden. Auch deswegen bot Pfarrer Pucher von der Vinzenzgemeinschaft Graz der Gemeinde Terfens  2000 Euro an, um unter der Inntalautobahnbrücke ein Campingklo aufzustellen und einen Müllcontainer. Die TirolerInnen sollten sich – so Pucher – ein Beispiel am Vinzinest in Graz nehmen. „Ausländische Obdachlose finden inzwischen 120 Betten vor, die Räume sind geheizt und ehrenamtliche Helfer betreuen die Armen. Die Mahlzeiten werden über Spenden finanziert. Auch dort wechseln die Personen immer wieder, denn die Roma fahren einmal im Monat wieder nach Hause.“ (Zitat Tiroler Tageszeitung).

Hier der Originaltext der Tiroler Politologinnen.

Roma_Terfens_April 2012


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