JENSEITS: Der FALTER

by

Wenn RedakteurInnen der „linken“ Stadtzeitung Falter beim Latte Macchiato schlürfen im Museumsquartier angeschnorrt werden, dann führt das anscheinend zu einem vollkommenen Blackout. Schwupdiwupp – wird aus dem Falter die Krone und aus bettelnden ZeitungsverkäuferInnen der Inbegriff des Bösen: Der oder die FalterredakteurIn schafft keinen Gedanken mehr daran, dass es vielleicht ein System von Ausgrenzung und Armut sein könnte, das junge Männer dazu treibt, im Museumsquartier hartnäckig zu schnorren. Er/sie stellt keine Frage mehr danach, warum so viele Menschen jetzt mit der Zeitung in der Hand betteln. Nein, dafür gibt´s Ressentiments.
Und aggressives Betteln sei außerdem bei Strafe verboten, freut sich der Falter. FOTO: Der Falter

Das Unwort „falscher Augustin“ kreierte das „transkulturelle Magazin“ „Biber“. Hier finden wir die Langversion der „7 Sachen“ – die auch nur sehr oberflächlich die Hintergründe beleuchtet. Dass es in Wien mittlerweile viele undurchschaubare Bettelverbote gibt, die es verbieten, sitzend zu betteln, davon hat die Biberredaktion anscheinend auch noch nichts gehört. Sie findet das Bettelverbot in Graz „mit schaß“. In Wien sind Bettelverbote eurer Meinung nach okay, liebe Biberredaktion?

Klar ist es unangenehm  hartnäckig angeschnorrt zu werden. Doch niemand schnorrt grundlos und die Armut nimmt rasant zu. In Bulgarien gibt es nicht mal mehr ein funktionierendes staatliches Gesundheitssystem. Es wurde abgebaut und eingespart. In Rumänien werden die ohnehin niedrigen Sozialhilfen und Pensionen gekürzt – wohl eine Empfehlung des internationalen Währungsfonds. Die Krise hat in diesen Ländern fatale Folgen und Angehörige von Minderheiten sind willkommene Sündenböcke. Nicht nur in Ungarn, sondern auch in Rumänien und Bulgarien gibt es gewalttätige Übergriffe auf RomnIJa.

Der Falter verklickert jetzt also seiner LeserInnenschaft, dass Armutsbetroffene, wenn sie sich nicht „angemessen“ benehmen, bestraft werden sollen. Und die Museumsquartiersecurity wird sich in Zukunft wohl noch weniger zurückhalten: Denn schon jetzt – so erzählen ZeitungsverkäuferInnen – wird ihnen der Zutritt häufig verweigert.

Klar ist es nicht angenehm, wenn mensch im Kaffeehaus sitzt und ständig angebettelt wird, doch diese Form des Bettelns ist eine unmittelbare Folge der Wiener Bettelverbote. Wenn auch die bestraft wird, werden sich die Menschen wieder andere Möglichkeiten suchen um zu überleben.

Auch Birgit Hebein, Grüne Sozialsprecherin reagierte mit einer Presseaussendung auf den Falter: „Auch wenn es ein Ruhebedürfnis der KonsumentInnen gibt, steuern wir auf eine Entsolidarisierung zu, wenn Armut verdrängt und nur mit Verboten reagiert wird“.
(Foto und Textquelle oben links: Falter)

Leserbriefe an: wienzeit@falter.at, redaktion@dasbiber.at

Schlagwörter: , , , , , , ,

10 Antworten to “JENSEITS: Der FALTER”

  1. julia seeliger Says:

    Man kann ja auch mal fragen, warum gerade ein Schwarzer abgebildet wurde.

  2. MaG Says:

    Ich möchte meine Erfahrungen mit falschen und echten (!) „Kolporteuren“ mit Ihnen teilen:

    Vor drei Jahren im MQ wollte ich einem „Kolporteur“ eines seiner Hefte abkaufen (den Titel des Magazins weiß ich nicht mehr, es war weder Global Player noch Mo Magazin). Ich suchte nach Münzen, er versicherte mir, er habe Kleingeld, so gab ich ihm einen Fünf-Euro-Schein. Danach weigerte er sich, mir das Restgeld herauszugeben. Nach einer langen Diskussion (ich war/bin Student und drei Euro war damals mein tägliches Budget fürs Mittagessen) bekam ich dann mit einem Schimpfwort einen Euro zurück. Ich habe die Redaktion der Zeitung per E-Mail benachichtigt, ich bekam eine Entschuldigung und den Hinweis, ich solle doch das nächste Mal folgende Mobiltelefonnummer anrufen, derjenige sei zuständig in solchen Fällen Ordnung zu schaffen. (Als hätte ich nichts Besseres zu tun …)
    Nach dieser Erfahrung, die – wie sie sich vielleicht vorstellen können oder auch nicht – ein wenig demütigend war (wenn einem für die ganze Umgebung sicht- und hörbar Geld abgeknöpft wird, weil man momentan naiv ist … wobei Sie womöglich antworten würden: „Arm zu sein, ist auch demütigend.“ Scham oder Demut konnte ich im Verhalten der Kolporteure damals aber keine erkennen, sondern einfach bloße Frechheit.), habe ich keinem „Verkäufer“ mehr eines der Magazine abgekauft.
    Vor zwei Wochen jedoch habe ich mich entschieden, einem „Kolporteur“ des Mo-Magazin mit Ausweis (!!!) ein Exemplar abzukaufen. Nachdem ich ihm 2 Euro gegeben hatte, verlangte er einen weiteren Euro von mir, ansonsten würde ich das Magazin nicht bekommen. Ich wurde ungehalten, und sagte ihm, ich würde nun nie wieder ein solches Magazin kaufen, weil es mir mit diesen Methoden wirklich reicht. Er gab mir dann doch das Magazin in die Hand – nicht aus autonomem Motiv, sondern weil ein Gemüsehändler von einem nahen Markt ihm gerade Gemüse brachte, und der „Kolporteur“ nun Anderes zu tun hatte.

    Ich weiß, dass meine Erfahrungen aufgrund geringer Zahl nicht repräsentativ sind, aber andererseits: Bei zwei verschiedenen „Verkäufern“ von zwei verschiedenen Magazinen innerhalb mehrerer Jahre ist das schon eine traurige Bilanz.
    Und diese Magazine haben durch diese Umstände auch schon einen dementsprechend schlechten Ruf – ein Bekannter erzählte mir, wie er von fünf „Kolporteuren“ am Naschmarkt abgepasst wurde, die sich ihm in den Weg stellten und ihn nicht weitergehen lassen wollten, bis er ihnen nicht Geld gegeben hatte.

    Sie sprechen in Ihrer Reaktion auf den Falter und Biber vom „Betteln“, und dass von diesen Medien die Umstände verkannt werden, warum im MQ so viel „gebettelt“ wird: Es geht meiner Erfahrung nach bei den Methoden dieser „Kolporteure“ aber gar nicht ums Betteln – was hier geschieht, ist schlicht und einfach Betrug, so wie er im Strafgesetzbuch steht.

    Insbesondere da es diese Methoden lange vor dem Bettelverbot im MQ gab, will ich meinen Beitrag auch nicht zum Anlass nehmen, über Bettelverbote zu diskutieren, weil ich das nicht vermischen will.
    Mir ist bewusst, dass verzweifelte Menschen verzweifelte Dinge tun, aber Empörung über eine mediale Beschreibung des Ist-Zustandes oder Mitleid mit den „Kolporteuren“ kann man von mir nicht erwarten, wenn die Grenze ins Strafbare überschritten wird.

  3. Florian Says:

    Inwiefern ist „diese Form des Bettelns [.] eine unmittelbare Folge der Wiener Bettelverbote“? Das/Die Wiener Bettelverbot/e untersagt doch gerade solche Art zu Betteln (aggressiv/aufdringlich), oder?

    • akbettlerinnen Says:

      ja, jede form des bettelns muss mittlerweile mit strafe rechnen, nur wenn mensch sich beim betteln bewegt, ist er/sie halt nicht so leicht fassbar für die polizei, denn bis die da ist, ist er/sie schon längst wieder weg. und eine- zeitschrift-tragen heißt ja nicht, dass mensch bettelt….

      • Florian Says:

        Ah, verstehe, was ihr meint. Ich glaube zwar, dass es diese Form des Bettelns auch ohne das Bettelverbot gäbe, allerdings vielleicht weniger oft (da ohne Verbot andere Nischen frei würden, die ein/e Bettler/in nutzen kann).

  4. akbettlerinnen Says:

    —————————————————————————
    LeserInnenbriefe trudeln ein:

    Dass der Falter keine sozial engagierte Stadtzeitung mehr ist, daran habe ich mich schon gewöhnt. Dass er sich aber bei einem politisch so wichtigen (weil mit beängstigend vielen Vorurteilen, Lügen und Verhetzungen besetzten) Thema wie dem Betteln auf die Lifestyle-Position begibt (es stört beim Kaffetrinken) und das Thema mit einem aus dieser Lounge-Perspektive errechneten Auseinanderdividieren in brave Arme („zurückhaltend und höflich“) und böse Arme („falsche Augustins“) abhandelt, inklusive einer ungenauen Angabe der Wiener Bettelverbote, finde ich ärgerlich.
    Dabei gäbe es zu diesem Thema viele wichtige, von den meisten Medien vernachlässigte Aspekte wie zum Beispiel den Wiener Umgang mit dem öffentlichen Raum oder die Frage, warum in Rumänien die Armut so stark zugenommen hat (z.B. auch, weil die OMV 2004 51 % des staatlichen Ölkonzerns Petrom um billige 1,5 Milliarden Euro gekauft hat, und seither den Rumäninnen das zu einem großen Teil in ihrem eigenen Land gewonnene Öl so teuer verkauft – der Benzinpreis wurde innerhalb eines Jahres auf das Doppelte angehoben -, dass das größte österreichische Unternehmen damit pro Jahr eine Milliarde Euro Gewinn macht).
    In der Hoffnung, in Zukunft differenzierte Beiträge zu diesem Thema im Falter zu lesen
    P.A.K.

    An die Falterredaktion
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    was ich wirklich nicht wusste ist, dass sich beim Falter wohl ein paar „Journalisten“ von KRONE/ÖSTERREICH/HEUTE als Maulwürfe eingeschlichen haben und auch dort ihre geistige Umweltverschmutzung in Form von Halb- und Desinformation weiter zu verbreiten.

    Oder hat sich nur jemand in der (am liebsten) klinisch reinen, armutsfreien Wiener Innenstadt, die schön langsam zu Tode investiert wird, beim Konsumismus gestört gefühlt?

    Dem Falter dürfte es beim Kaffee-Trinken im MQ entgangen sein, dass in Wien zwischenzeitlich JEGLICHES Betteln verboten ist: Also, wir verbieten die Armen und – wie praktisch – wir haben kein Problem mehr. Wer auf Betteln zum Überleben angewiesen ist, der betreibt es gewerbsmäßig und ist zu bestrafen, max. EUR 700 pro Übertretung, alles Geld wird abgenommen (Abschöpfung, weil es ist eh alles erbettelt) und wer nicht zahlen kann, darf eine Ersatzfreiheitsstrafe antreten. Sich als Zeitungskolporteur ausgeben bedeutete ein bisschen Schutz vor der Polizei und ja, auch, bessere Chancen am „Markt“.

    Im Übrigen: Wenn es so ein gutes Geschäft wäre, wie ja in den bekannten Medien immer wieder behauptet wird, könnten die Falter-Mitarbeiter ja auf diesen lukrativeren Broterwerb umsteigen. Ob sich dann allerdings noch ein Kaffee im MQ ausgeht, das weiß ich nicht.

    Und, ja, ich fühle mich auch oft überfordert, wenn ich durch die Stadt gehe und sehe das ganze Elend. Aber da müssen wir alle gemeinsam das System ändern, nicht können nicht mehr bequem vor uns hin leben. Je dicker und höher die Mauern sind, die wir um uns und unser luxuriöses Europa (ja, wir jammern auf sehr hohem Niveau) errichten, mit um so mehr Gewalt werden sie eingerissen werden. Bis vor ein paar Tagen dachte ich noch, Ägypten würde erst in 2 – 3 Jahren bei uns ankommen, als ich aber dann die Berichte in den Nachrichten über die Demonstrationen (und v.a. die Reaktionen der Polizei) in Griechenland und Spanien gesehen habe wusste ich, so lange wird es nicht mehr dauern.

    Wir haben über Jahrzehnte die Arbeitsplätze zuerst nach Osteuropa und dann bis an das Ende der Welt exportiert, damit wir nur alles billig bekommen. In Europa muss es Umwelt- und Arbeitsstandards geben, schließlich wollen wir alle gut leben und saubere Luft atmen. Natürlich. Aber nachdem heute nichts mehr etwas kosten darf, wo kommen die Sachen her? Und bei uns glauben noch immer zu viele Leute, Geld würde arbeiten.

    Aber der Beitrag hat mir zumindest die Entscheidung abgenommen, ob ich den Falter nicht abonnieren sollte. Ich lasse es jetzt einmal bleiben.

    Beste Grüße

    M. K.

  5. bla Says:

    der Grüne ist ja auch witzig: „steuern wir auf eine Entsolidarisierung zu“. Wo es doch bisher vor Solidarität nur so gewimmelt hat.

  6. Roland Giersig Says:

    Ich bin absolut gegen ein Bettelverbot. Denn sich an eine Ecke zu stellen und zu sagen „Ich bin arm und habe kein Geld“, das ist das Grundrecht eines jeden auf freie Meinungsäußerung.

    Aber es gibt auch noch andere Grundrechte. Die Freiheit des Einen fängt dort an, wo die Freiheit des Anderen aufhört. Es hat JEDER das Recht, seine Meinung zu äußern. Und es hat JEDER das Recht, eine Meinungsäußerung eines anderen zu ignorieren.

    Was in dem Falter-Artikel beschrieben wird sind Menschen, die die persönliche Freiheit anderer Menschen nicht respektieren, die ein „Nein“ nicht akzeptieren und weiter in die Privatsphäre eindringen.

    Das diese Menschen arm sind, mag ihr Verhalten erklären. Rechtfertigen tut es dieses Verhalten nicht.

    Ich kritisiere daher diesen Artikel scharf, da er aggressives Betteln verharmlost und den Bettlern ein Recht auf dieses Verhalten zubilligt. Denn wo zieht man die Grenze zwischen aggressivem Betteln, Einschüchterung und Raub? Meiner Meinung nach ist diese Grenze genau dort zu ziehen, wo ein „Nein“ nicht akzeptiert wird.

    Interessant ist auch, was da alles in den Falter-Artikel hinein gelesen wird. Eine Befürwortung eines Bettelverbots habe ich darin jedenfalls nicht gefunden. Lustig finde ich auch, den Falter durch das Nicht-Abschließen eines Abos strafen zu wollen, nimmt sich der Falter doch als eines der wenigen, wenn nicht als einziges Medium den echten, tiefen Problemen in diesem Land an und deckt schonungslos auf. Da verzichtet man lieber auf diese wertvollen Informationen, weil man sich auf den Schlips getreten fühlt. Abr so ist das mit beleidigten Gefühlen…

    Noch einmal: ich bin gegen Bettelverbote, ich bin für einen Sozialstaat und ich bin für persönliche Freiheit. Und ich bin dafür, dass die Regeln des friedlichen Zusammenlebens von allen eingehalten werden.

  7. ulyanova Says:

    wenn sozialstaat und persönliche freiheiten gewährleistet wären, dann müsste ohnehin niemand (aggressiv) betteln…

  8. AKTIVE ARBEITSLOSE Says:

    Der Satz „keine fünf Minuten, in denen nicht mindestens ein Kolporteuer mit einem der genannten Hefte ankommt, um nach Geld und Tschick zu fragen“ klingt wohl sehr nach Münchhausen und nicht nach journalistischer Recherche. Eine Tatsachenbehauptung, die wohl leicht zu widerlegen ist und ein Grund wäre, den Presserat anzurufen:

    http://www.presserat.at

    Weiters wäre auch eine Mail an den Quasihüter des Qualitätsjournalismus und Falter-Herausgeber Armin Thurnher angebracht:

    thurnher@falter.at

    Und wenn schon auf der falter-website steht „Geben Sie dem IUnmut ein Gesicht“ dann machen wir doch mit:

    http://kampagne.falter.at/kampagne/1/

    Wir schlagen vor, doch einen Flashmob im museumsquartier zu machen: jeder bringt seine Lieblingszeitung mit und verkauft diese zugunsten der vom falter verunglimpften BettlerInnen.

    Leider bin ich erst ab Donnerstag nächste Woche wieder in Wien. Wer macht mit?

    LG Martin Mair
    Obmann „AKTIVE ARBEITSLOSE“

    P.S.: Zur Mindestsicherung in Wien hat der falter unseres Wissens nach immer noch keine tiefer schürfende Kritik geschrieben (für einen Artikel zur Minisicherung in der Steiermark wurden natürlich wieder keine VertreterInnen von Betroffenenorganisationen befragt) ebenso wenig zur Arbeitsmarktpolitik in Österreich. Warum wohl?

Schreibe eine Antwort zu akbettlerinnen Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: