Steiermark: Factsheet- 16 Fragen und Antworten zum „Betteln“

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Wer sind die BettlerInnen und woher kommen sie? 

 

Die meisten der Menschen, die jetzt in der Steiermark betteln, kommen aus der Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Viele von ihnen sind Roma und Romnija (Roma-Frauen). Genauso betteln aber auch vereinzelt Menschen aus Österreich.
Für wie lange kommen die BettlerInnen in die Steiermark? 

 

Die meisten BettlerInnen kommen nur für kurze Zeit in steirische Städte, sie wollen nicht hierher umziehen. Die Mehrheit der BettlerInnen aus der Slowakei kommt für 2 Wochen um zu betteln. Danach bleibt man wieder längere Zeit zu Hause. Personen aus Bulgarien (und Rumänien) wiederum bleiben meistens für einige Monate, damit sich der Aufenthalt auch finanziell rentiert.
Warum betteln diese Menschen? 

 

Unter den heutigen BettlerInnen hatten die meisten bis zur Wende 1989 eine fixe Arbeit in der Region. Viele von ihnen sind schlecht ausgebildet, weil sie in Sonderschulen abgeschoben wurden. Heute haben sie deshalb und aufgrund von Rassismus und Diskriminierung in den ohnehin strukturschwachen Regionen nur sehr schlechte Chancen auf regelmäßige Arbeit.
Wer bekommt das erbettelte Geld? 

 

Die BettlerInnen verwenden das Geld für sich selbst und Familienangehörige. Erstens geht es oft darum, in akuten Notlagen rasche Abhilfe zu schaffen. Zweitens müssen die Kosten für das tägliche Leben bestritten werden. Drittens ermöglicht Betteln nachhaltige Investitionen in die Zukunft. Zum Beispiel gibt es BettlerInnen in der Steiermark, die alles tun, damit ihre eigenen Kinder eine bessere Ausbildung erhalten als sie selbst. Dazu muss Geld für den Bus, die Verpflegung in der Schule und für den sonstigen Schulaufwand aufgebracht werden.
Warum betteln Menschen mit Behinderung? 

 

Personen mit Behinderung beziehen nur extrem geringe staatliche Unterstützungszahlungen (in Bulgarien ist diese Situation besonders schlimm). Sie können nicht arbeiten, gleich-zeitig ist mit dem Pflegegeld aber kein Überleben möglich. Außerdem werden behinderte Menschen besonders in Bulgarien stark diskriminiert, und das, obwohl die Gebrechen oft erst durch falsche oder fehlende medizinische Behandlung entstanden sind.
Wie kommen die BettlerInnen nach Graz? 

 

Die BettlerInnen aus der Slowakei reisen gemeinsam im Auto an, um Geld zu sparen. Die Kosten für den Treibstoff werden aufgeteilt. BettlerInnen aus Bulgarien fahren außerdem auch mit Linienbussen.
Welche Formen des Bettelns sind bereits verboten? 

 

Das Landessicherheitsgesetz verbietet in der geltenden Fassung aufdringliches Betteln. Das bedeutet, dass es nicht erlaubt ist, durch Anfassen oder unaufgefordertes Begleiten und Be-schimpfen, um Geld oder geldwerte Sachen zu betteln. Außerdem ist es verboten, eine unmündige minderjährige Person zum Betteln zu veranlassen (in welcher Form auch immer) oder Kinder beim Betteln mitzuführen. Ein Verstoß gegen dieses Gesetz wird mit bis zu € 2.000,00 bestraft.
Gibt es kriminelle Formen des Bettelns? 

 

Betteln ist nicht kriminell. Wenn aber in Einzelfällen in Verbindung mit anderen Delikten gebettelt wird, gibt es dagegen bereits Regelungen im Strafgesetzbuch. Dazu zählen beispielsweise Erpressung, Nötigung, Menschenhandel, Täuschung, Betrug oder Erschleichung. Zudem ist die Gründung und Mitwirkung an verbrecherischen Komplotten, Vereinigungen und kriminellen Organisationen, deren Zweck die Durchführung solcher Delikte ist, verboten. Würden Menschen also etwa zum Betteln gezwungen oder beim Betteln ausgebeutet, würde das einen oder mehreren dieser Straftatbestände darstellen (je nachdem, wie der Fall genau aussieht).
Welche Grund- und Menschenrechte sind von einem Bettelverbot betroffen? 

 

Das Recht auf Privatleben umfasst die Freiheit der Lebensgestaltung und die Erwerbsfreiheit. Diese können nur in zumutbarer Form und zum Schutz anderer Rechte eingeschränkt werden (wie z.B. beim Verbot des Bettelns mit Kindern). Außerdem sind nach der österreichischen Verfassung keine Gesetze, die Grundrechte einschränken, erlaubt, wenn sie sich ganz besonders auf eine Volksgruppe oder Minderheit auswirken. Ein Bettelverbot würde jedoch in erster Linie Roma und Romnija betreffen. Es ist daher sehr bedenklich, ob ein allgemeines Bettelverbot der österreichischen Verfassung entspricht.
Warum versorgt das Sozialsystem ihrer Herkunftsländer die BettlerInnen nicht? 

 

In den postkommunistischen Ländern, aus denen die BettlerInnen kommen, bleibt den Roma und Romnija aufgrund von Rassismus und hoher Arbeitslosigkeit häufig nur die Sozialhilfe. Diese ermöglicht es de facto aber nicht, die Kosten des täglichen Lebens abzudecken. In Ausnahmesituationen (Operationen, Tod eines Familienmitglieds etc.) werden die Betroffenen allein gelassen.
Wie hilft man den BettlerInnen am besten? 

 

Immer wieder wird vorgeschlagen, mehr Sozialprojekte in den Herkunftsregionen der BettlerInnen zu finanzieren. Auch wenn gute Sozialprojekte sehr notwendig sind, können sie weder die prinzipiellen Probleme lösen noch alle Menschen erreichen. Alle europäischen BürgerInnen sind in der Pflicht, sich gemeinsam für eine grundlegende Veränderung einzusetzen. Nur dadurch können die Probleme an der Wurzel gelöst werden. Eine Spende an die BettlerInnen hilft hingegen direkt und unmittelbar. Das Geld wird dann dort investiert, wo es am dringendsten gebraucht wird – von Medikamenten über die Ausbildung der Kinder bis hin zur Stromrechnung.
Warum arbeiten die BettlerInnen nicht? 

 

BettlerInnen aus Osteuropa dürfen in Österreich nicht arbeiten. Ab Mai 2011 wird das für Menschen aus der Slowakei möglich werden. Außerdem ist Betteln eine Form von Arbeit, auch wenn sie nur deshalb gewählt wird, weil es keine Alternativen gibt. Den PassantInnen, die vorüber gehen, bleibt es völlig frei gestellt, ob sie etwas spenden möchten oder nicht.

Factsheet als pdf-Dokument …

Text: Wolfgang Benedek, Stefan Benedik, Ulrike Gladik, Klaus Starl, Alexandra Stocker, Barbara Tiefenbacher, Agnes Truger

 

Diese Antworten sind auf Basis der folgenden wissenschaftlichen Arbeiten erstellt worden:

Appel, Margit: Betteln. Strategien gegen Verdrängung. In: Schande Armut. Stigmatisierung und Beschämung. Hg. von der Armutskonferenz. Wien 2008. S. 83-92.

Barbul, Radiša et al.: Kein Opfer. In: urbanes lernen. Bildung und Intervention im öffentlichen Raum. Hg. von Marion Thuswald. Wien 2010.

Benedik, Stefan: Harming „Cultural Feelings“. Images and Categorisation of Temporary Romani Migrants to Graz. In: Multidisciplinary Approaches to Romany Studies. Hg. von Michael Stewart, Márton Rövid. Budapest 2010. S. 71-90.

Duffek, Elke et al.: Lebensweltanalyse der bettelnden Roma in Graz. In: SiÖ 42 (154) 2007. S. 24-27.

Koller, Ferdinand: Betteln in Österreich. Eine Untersuchung aus theologisch-ethischer Perspektive. Unveröff. theol. Dipl. Wien 2009.

Thuswald, Marion: Betteln als Beruf? Wissensaneignung und Kompetenzerwerb von Bettlerinnen in Wien. Unveröff. päd. Dipl. Wien 2008.

 


2 Antworten to “Steiermark: Factsheet- 16 Fragen und Antworten zum „Betteln“”

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Steiermark: Factsheet zum Betteln Says:

    […] BettelLobbyWien: 16 Fragen und Antworten zum „Betteln“ […]

  2. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | „Nein, nein, nein und nochmals nein“ Says:

    […] (via BettelLobbyWien) […]

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