Protestbrief eines Gewerbetreibenden an die Wirtschaftskammer

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Walter Meissl, Gewerbetreibender und damit Mitglied der Wirtschaftskammer Wien, reagierte prompt auf die Kampagne seiner „Interessensvertretung“.

Foto: Zeitung der Wirtschaftskammer

sehr verehrter herr thomas bohuslav,

als ich gestern meine post öffnete, glaubte ich meinen augen nicht zu trauen. in ihrem brief fordern sie alle unternehmerinnen und unternehmer, also auch mich dazu auf, einen aktiven beitrag gegen sogenanntes gewerbsmäßiges betteln zu leisten, indem ich zwei beigefügte plakate gut sichtbar in meinem geschäftslokal anbringen sollte. auf diesem plakat wird dazu aufgefordert „gut gemeinte spenden vor supermärkten und in einkaufsstraßen“ zu unterlassen, da sie anscheindend gewerbsmäßges betteln fördern.

aus mehreren gründen halte ich ein solches ansinnen für unverschämt. ich finde es eine ungeheuerlichkeit, mich zum komplizen einer hysterie zu machen, die darauf abzielt, die schwächsten dieser gesellschaft zu drangsalieren, um unter dem deckmantel der sauberkeit und menschlichkeit eigene ängste und frustrationen zu kaschieren. kein mensch bettelt aus vergnügen oder gewinnsucht, sondern aus not und verzweiflung. das märchen von den mafiosen bettlerbanden ist durch seriöse studien ohnehin widerlegt.

weiters: wie kommt eine berufliche standesvertretung dazu, mit den mitteln ihrer mitglieder ideologisch bedenkliches propagandamaterial zu verteilen? denn um ideologische propaganda handelt es sich hierbei: künstlich geschürte ängste vor dem fremden, dem unbekannten, dem scheinbar bedrohlichen werden dazu genützt, eine freie gesellschaft empfänglich für regelmentierung, für überwachung und kontrolle, für feindseligkeit und gewaltbereitschaft zu machen. diese strategie wird seit jahren von den rechten parteien vorexerziert. und leider scheint diese strategie mittlerweile auch im politischen mainstream zur selbstverständlichkeit geworden zu sein.

besonders perfide ist ihr ansinnen im brief und im text des plakates durch eine mischung aus ausgrenzungsrhetorik und hilfbereitschaft gutes gewissen zu suggerieren, das in dem satz gipfelt: „damit leisten sie einen aktiven und wichtigen beitrag zur förderung eines sicheren miteinanders in unserer stadt.“ jener, der eine bettlerin vor dem geschäft verscheucht, kann sich mittels anonymer spende bei einer hilfsorganisation für seinen mangel an persönlichem mitgefühl freikaufen.

allerdings trifft meine kritik nicht bloß auf die wirtschaftskammer zu. wie ich dem brief entnehme, handelt es sich bei dieser denunziationskampagne um eine konzertierte aktion von polizei, wirtschaftskammer, der stadt wien und „die wiener einkaufsstraßen – so bunt wie das leben“. damit das leben nicht nur am ladentisch, sondern auch am straßenrand bunt bleibt, ersuche ich sie, diese kampagne zu stoppen. meinen hier formulierten protest werde ich auch bei den anderen mitveranstaltern deponieren.

mit freundlichen grüßen,

mag. walter meissl

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3 Antworten to “Protestbrief eines Gewerbetreibenden an die Wirtschaftskammer”

  1. Geh ma Tauben vergiftn im Park … « Santa Precaria Says:

    […] Beiträge auf BettelLobbyWien: ► Wirtschaftskammer startet breit angelegte Hetzkampagne gegen BettlerInnen ► Protestbrief gegen Hetzkampagne der Wirtschaftskammer Wien […]

  2. p Says:

    Die Grüne Wirtschaft hat auch schon eine Presseaussendung dazu geschrieben: http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20100707_OTS0245/gruene-wirtschaft-fordert-sofortigen-stopp-der-anti-bettler-kampagne-der-wk-wien

  3. Philipp Schwarz Says:

    Danke, sie schreiben mir aus dem Herzen! Ich werde bei meinen nächsten Einkäufen in Geschäften die diese Plakate aushängen freundlich darauf aufmerksam machen, dass ich in solchen Geschäften nicht einkaufen.

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