Betteln als Frauenarbeit?

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Zur Situation von Pendelbettlerinnen in Wien

Beitrag von Marion Thuswald (Konferenz Betteln in Wien auf der theologischen Fakultät Wien)

„Es gehört zu den Leiden an der modernen Gesellschaft, dass sie die unantastbare Würde der Person rechtlich zusichert, die soziale Basis für eine respektable Lebenspraxis jedoch für große Gruppen in Frage stellt.“[1]

Im Wien des 21. Jahrhunderts nützen unterschiedliche Menschen den öffentlichen Raum um zu betteln, Junge und Alte; Männer, Frauen und Kinder; Menschen mit österreichischer StaatsbürgerInnenschaft und Menschen anderer Herkunftsländer. Die öffentlichen Debatten um das Betteln und die bettelnden Menschen sind von Stereotypisierungen geprägt, die auch geschlechtlich konnotiert sind. Im Folgenden wird zuerst auf die Bettel-Stereotypen eingegangen, anschließend die Ergebnisse einer Forschung zu Bettlerinnen in Wien vorgestellt.

Bettel-Stereotypen

„Die homogenisierende Darstellung der Anderen […] verschleiert individuelle Differenzen, macht sie unsichtbar. Die nicht explizit dargestellte Botschaft ist: Sie sind alle gleich. Sie sind viele.“[2], oder um es in den Worten von Stuart Hall zu formulieren: „Das Stereotypisieren ist eine Repräsentationsform, die gesellschaftlich produzierte Differenzen reduziert, essentialisiert, naturalisiert und festschreibt.“[3]

Welche Stereotype herrschen im Bezug auf bettelnde Menschen vor und wie wirken sie? Inwiefern sind sie männlich oder weiblich markiert?

Die Einheimischen und die Auswärtigen. Die mediale und politische Diskussion um die Präsenz von BettlerInnen widmet sich seit Jahren überwiegend den BettlerInnen ohne österreichischem Pass, obwohl auch zahlreiche einheimische Personen, etwa Punks oder Wohnungslose auf Wiens Straßen betteln.[4] Mediale Bilder zeigen vor allem Menschen, die durch dunkle Haut und schwarzes Haar als „fremd“ markiert werden; Begriffe wie „Ostbanden“ oder „Bettelunwesen“ bauen auf alte antiziganistische Stereotype wie denen der (bettelnden, stehlenden und arbeitscheuen) „Zigeunerbanden“ und des „Zigeunerunwesens“.[5] (vgl. auch den Artikel von Markus End in diesem Band)

Die würdigen und die falschen Armen. Die Unterscheidung zwischen den rechtmäßigen oder würdigen und den falschen Armen lässt sich bereits zu Zeiten nachweisen, in denen das Bettelwesen gesellschaftlich seinen Platz hatte wie etwa im Mittelalter. Als rechtmäßige Arme galten Arbeitsunfähige, etwa Menschen mit körperlichen Gebrechen – die laut Aussagen von Bettelnden auch gegenwärtig mehr bekommen als andere –, Alte und Kranke sowie Witwen und Waisen als Synonym für besondere Schutzbedürftigkeit und ehrenvolles Ziel von Mildtätigkeit.[6] Die Ausübung des Bettelns – im Mittelalter auch als Berufs verstanden – erforderte und erfordert, dass der Grund der Bitte um Almosen sichtbar und glaubwürdig gemacht wird.[7] Die bettelnden Menschen müssen ihre Anliegen eindringlich aber nicht aufdringlich vermitteln, Bedürftigkeit zeigen, andererseits nicht zu sehr als Opfer erscheinen. Eine zu starke Unterwürfigkeit, die Bilder von Unterdrückung und Ausnutzung durch andere hervorruft, kann gegenwärtig ebenso kontraproduktiv sein wie offensives Verhalten, das als aggressiv eingestuft werden könnte.[8] Als rechtmäßigeR BettlerIn anerkannt zu werden, scheint gegenwärtig schwierig. Dies zeigt sich auch daran, dass zu  Beginn des 21. Jahrhunderts in Wien jede Art zu betteln mit Bestrafung rechnen muss – obwohl es kein grundsätzliches Bettelverbot gibt.[9]

Die sichtbaren Opfer und die unsichtbaren Täter. Das Stereotyp der ausländischen Bettlenden kennt zwei Ausprägungen: jenes der kriminellen, gerissenen Bettlerbanden und Hintermänner – ein Stereotyp, dass ausschließlich männlich konnotiert ist – und jenes der ausgebeuteten Opfer: Kinder, Frauen und behinderte BettlerInnen. Die Stereotypen werden durch sprachliche Bilder wie „Bettelmafia“ und „ausgebeutete Kinder“ repräsentiert. Bildliche Darstellungen gibt es jedoch nur von zweiterem: Die Fotos, die sich in den Medien wie der Kronen Zeitung, dem Standard, dem Falter usw. finden, repräsentieren das Opfer-Stereotyp. Darstellungen der Hintermänner und Mafiabosse finden sich nicht, die Unsichtbarkeit dieser Personen ist Teil des Stereotyps. Für die auf den Straßen und in den U-Bahnen sichtbaren BettlerInnen – und insbesondere die Frauen – bleibt also vor allem die Zuschreibung „Opfer“.

Im Bezug auf die Bettel-Stereotypen geht es nicht nur darum ob die Darstellung der Realität angemessen ist, sondern um die Frage, was spezielle Darstellungen ermöglichen, wen sie ermächtigen, wen oder was sie überhaupt zulassen, was sie eröffnen, was sie ausschließen.

Der aktuelle dominante Diskurs verstärkt die Kriminalisierung des Betteln und der Bettelnden sowie rassistische und antiziganistische Ressentiments[10], er führt zu herabwürdigendem Verhalten BettlerInnen gegenüber und zu teilweise massiven Vertreibungs- und Strafmaßnahmen von BettlerInnen und zwar auf Basis jener Gesetze, die − so wird vorgegeben − die Opfer vor Ausbeutung schützen sollten. In diesen hegemonialen Diskurs intervenieren in Österreich neben engagierten Einzelpersonen und der Partei Die Grünen vor allem die katholische Vinzenzgemeinschaft Eggenberg in Graz[11], die Boulevardzeitung Augustin[12] und die BettelLobbyWien[13] sowie einzelne ForscherInnen, AktivistInnen und KünstlerInnen.

Betteln als Überlebenssicherung

Obwohl Betteln eine Tätigkeit ist, die von vielen Frauen ausgeübt wurde und wird[14], gehen die meisten Studien darauf nicht ein. Aus diesem Grund konzentriert sich meine bildungs-wissenschaftliche Forschung auf die Situation von bettelnden Frauen und untersucht den informellen Wissens- und Kompetenzerwerb von Pendelbettlerinnen − also jenen Frauen, die wiederholt für begrenzte Zeit nach Wien kommen − und nimmt so ihre Position als handelnde, lernende und reflektierende Subjekte sowie die Bedingungen ihres Arbeitens und Lernens in den Blick. Die vorliegende qualitative Feldforschung basiert auf Beobachtungen und Gesprächen mit Bettlerinnen sowie mit dem Thema befassten ExpertInnen, die zwischen 2005 und 2007 in Wien und Graz durchgeführt wurden.[15]

Die befragten Bettlerinnen kommen aus dem Ausland zum Betteln nach Österreich. Was sie zu dieser Entscheidung bewegt, ist ihre Arbeitslosigkeit, Armut und fehlende Perspektiven im Herkunftsland sowie die durch Mundpropaganda verbreitete Hoffnung in Österreich durch Betteln oder andere Arbeit zu Geld zu kommen.[16] Betteln ist eine Möglichkeit der Überlebenssicherung für jene, die vom Arbeitsmarkt und vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen sind, die aufgrund von Geschlecht, Mutterschaft und/oder ethnischen Zuschreibungen diskriminiert werden und ohne überlebenssichernde staatliche Unterstützung zurecht kommen müssen. Die sozialen Ausschließungsprozesse werden durch politische und wirtschaftliche Entwicklungen verschärft.[17] (Temporäre) Migration ist für die Bettlerinnen – wie Sabine Hess formuliert – eine „informelle Überlebensstrategie“.[18] Die Frauen bewegen sich in einem transnationalen informellen öffentlichen Raum, einem Restraum, der sich als Nebenwirkung aus den EU-Beitritten ihrer Herkunftsländer, dem Wohlstandgefälle und der freien Zugänglichkeit des öffentlichen Raums ergibt. Die Frauen sind in diesem Raum nur temporär Geduldete – und in zunehmendem Maß nicht einmal das – und haben mit unterschiedlichen erschwerenden Bedingungen zu kämpfen. Überlebensunsicherheit und Ausgrenzung setzen sich also fort und sind Rahmenbedingungen ihrer Arbeits- und Lernprozesse in Wien.

Die Frauen kommen aus Rumänien, der Slowakei oder Bulgarien und wollen zumeist nicht auf Dauer in Österreich bleiben, sondern pendeln im Wochenrhythmus oder im Abstand von einigen Monaten zwischen Wien und ihren Herkunftsorten. In Wien leben sie in leerstehenden Häusern oder mieten Zimmer. Manche essen bei Suppenküchen, andere betteln vor Lebensmittelgeschäften und bekommen dort auch Essen geschenkt; einige lassen ihre Kinder bei weiblichen Verwandten zuhause, andere bringen sie mit.

Ein Vergleich zwischen der Situation von Bettlerinnen in der frühen Neuzeit, wie Helfried Valentinitsch sie in einer der wenigen Studien zu „Bettlerinnen in Österreich (16. bis. 18. Jahrhundert)“ beschreibt[19], und jener im 21. Jahrhundert zeigt viele Parallelen.

Valentinitsch beschreibt Armut in der frühen Neuzeit als ein „weibliches Phänomen“ und noch heute sind Frauen stärker von sozialem Ausschluss und Armut betroffen.[20] “Eine Grundvoraussetzung der Existenzsicherung von Unterschichten war [und ist] eine große Mobilität”, beschreibt Valentinitsch, was auch für die Pendelbettlerinnen zutrifft.[21] Bettelnde Frauen – in der frühen Neuzeit wie im 21. Jahrhundert – haben den Vorteil, dass sie als weniger gefährlich angesehen und eher mit dem Mitleid der Bevölkerung rechnen können als Männer; besonders wenn sie Kinder dabei haben und glaubhaft machen können, dass ihre Männer als Versorger ausfallen. [22] Frauen sind aber gleichzeitig gefährdeter; die Bedrohungen ähneln sich: mit Prostitution in Zusammenhang gebracht werden, erniedrigende Behandlung, Bestrafung, Festnahme, Abschiebung. Frauen schlossen und schließen sich daher in Gruppen zusammen, wenn sie nicht mit ihren Männern oder Partnern unterwegs waren bzw. sind. Auch die Nebenbeschäftigungen ähneln sich: Sammeln von Beeren, Pilzen und Holz, Hausieren und pflegerische Tätigkeiten. Als Unterschied lässt sich bemerken, dass die interviewten Frauen – anders als in der Studie über die frühe Neuzeit – alle einem Haushalt angehören, also nicht wohnungslos sind.

Die bettelnden Frauen in der Studie von Valentinisch gehören so genannten sozialen Randgruppen an und schaffen es kaum aus ihren Verhältnissen heraus zu kommen. Wie gut sie jedoch mit ihrer Situation zurecht kommen hängt – wie meine Studie von 2008 bestätigt – auch von ihrer psychischen und physischen Verfassung sowie von ihrer moralischen Integrität und ihrem sozialen Netz ab.

Schutz und Sicherheit – für wen?

Die Gesetzesnovellierung 2010 – nach dem Verbot des Bettelns von und mit Minderjährungen 2008 bereits die zweite Verschärfung innerhalb von zwei Jahren –, die nun das gewerbsmäßige Betteln verbietet, öffnet der Willkür Tür und Tor. Bereits die bisherigen Verbote des aufdringlichen, aggressiven und organisierten Bettelns wurden in der polizeilichen Praxis sehr weit ausgelegt: So reicht es sitzend mit ausgestreckter Hand um Geld zu bitten um als aufdringlich zu gelten, Augenkontakt zu anderen gilt als Beweis der „Organisiertheit“.[23] Bettlerinnen zeigen ihre Armut öffentlich, das ist eine machtvolle Geste, wie sich an den massiven Vertreibungsmaßnahmen ablesen lässt. Neben dem Wiener Landes-Sicherheitsgesetz versucht die Polizei – zumeist von Geschäftsleuten oder Politik zum Handeln aufgefordert – mit unterschiedlichen legalen und illegalen Mitteln und solchen im Graubereich dazwischen BettlerInnen zu vertreiben[24], neben Ersatzfreiheitsstrafen werden auch Aufenthaltverbote (für EU-BürgerInnen!) ausgesprochen.

Die Gesetzes-Novellierungen werden in den Debatten etwa im Gemeinderat einerseits mit dem Schutz der „Opfer“ argumentiert, andererseits innerhalb eines omnipräsenten Sicherheitsdiskurses mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Bevölkerung begründet. (Vgl. den Beitrag von Ferdinand Koller in diesem Band)

Schutz und Sicherheit werden also als Begründungen für die Vertreibung und Bestrafung von BettlerInnen angeführt. Die Bettlerinnen selbst beschreiben in den Gesprächen – neben der Grundversorgung ihrer selbst und ihrer Familie und der Suche nach Perspektiven – die Sorge um ihre eigene Sicherheit und ihren Schutz als eine zentrale Aufgabe und Notwendigkeit während ihrer Arbeit im öffentliche Raum: Schutz vor der Abnahme ihres erbettelnden Geldes sowie Bestrafung durch die Polizei, vor Übergriffen von PassantInnen, vor der Witterung, vor Prostitutionsaufforderungen.[25]

Die Vertreibungsmaßnahmen und die begleitenden Rhetoriken sind Ausdruck eines wirkungsmächtigen Diskurses, der Stadt wird nicht als Ort der Zuflucht, Integration und Heterogenität denkt, sondern Innenstädte zur „gute Stube“ der Stadt machen möchte; finanzschwache Gruppen werden vor allem aus den touristisch und kommerziell wichtigen Zentren verdrängt.[26]

Eine interviewte Bettlerin aus Rumänien bringt ihre Erfahrungen mit Wiener Stadtkultur wie folgt auf den Punkt:„Sie [die Polizei] sollen uns nicht das Geld wegnehmen und uns wie Hunde behandeln…“ Sie hält inne und korrigiert sich: „Nein! … Ich sehe, dass die Hunde hier sehr gut behandelt werden […] Wenn ein Hund weint, gibt man ihm was zu essen, aber uns verpassen sie Tritte…”[27]

Scham, Solidarität und Geschlecht

Für die Bettlerinnen ist der Kontakt zu anderen Frauen, besonders jenen ihrer Sprachgemeinschaft sehr wichtig. In der Phase der Entscheidung im Herkunftsland erfahren sie durch Mundpropaganda von der Möglichkeit, durch Betteln in Österreich zu Geld zu kommen. In der ersten Zeit des Bettelns, einer Phase der Scham, lernen sie von anderen, wie und wo sie betteln können, gewöhnen sich allmählich und etablieren eine prekäre Normalität. Unter den gegebenen unsicheren Bedingungen entwickeln die Frauen eine Kompetenz, die als Überlebenskompetenz[28] konzipiert werden kann. Zu dieser Überlebenskompetenz gehören etwa die Fähigkeiten, trotz unsicherer Bedingungen Normalität herzustellen und die eigene Handlungsfähigkeit sowie die eigene Integrität trotz Bedrohung zu erhalten, der eigenen Menschenkenntnis zu vertrauen, Gelegenheiten als Chance wahr zu nehmen und zu nutzen, Kraft aus der eigenen Moral und der Legitimität des Anliegens zu ziehen und ein Wir zu schaffen.

Neben jenen verwandten oder befreundeten Frauen, mit denen die Bettlerinnen engen Kontakt haben, die Wohnung teilen, gemeinsam zum Betteln gehen oder sich gegenseitig aus dem Gefängnis freikaufen, tauschen sie sich auch mit anderen Bettlerinnen aus, die sie auf der Straße treffen. Bettlerinnen eignen sich das nötige Wissen und die notwendigen Kompetenz für das Betteln, etwa Sprach- und Ortskenntnisse, durch Ausprobieren, Abschauen, Nachahmen, Rat holen u.ä. von anderen Frauen an und geben ihrerseits ihr Wissen weiter.[29]

„Eine Frau ohne Arme hat mich weinen gesehen. Sie wurde von der Polizei nicht so oft mitgenommen, weil sie keine Arme hatte. Sie sagt zu mir: ‚Schau, ich bring dich wohin, bleib da mit deinem Kind. Die Leute werden dir auch zu essen geben.’ Und sie hat mich hierher [zu einem bestimmten Bettelplatz] gebracht, ich danke ihr.“[30]

Wissen wird weitergegeben und die Frauen vergewissern sich ihres gemeinsamen Schicksals: Sie schaffen ein Wir. Ihr geteiltes Selbstverständnis lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Wir haben keine andere Wahl.

Wir tun es nicht für uns, sondern für unsere Kinder (Geschwister, Familie).

Das Betteln ist nur vorübergehend, wir hoffen auf eine bessere Chance.

Auch die Gebenden und besonders jene, die über eine Spende hinaus Mitgefühl zeigen, sind zu einem großen Teil Frauen „Eine Frau hat mir fünf Euro gegeben und sie hat meine Hand fest gehalten. Sie hat beinahe auch geweint. Da habe ich gesehen, lieber Gott, dass es noch Menschen mit gutem Herzen gibt.“[31]

Die Frauen geben in den Interviews an, dass die PassantInnen ihnen als Frauen mehr geben würden als bettelnden Männern. Männer, die arbeitsfähig erscheinen – bei Menschen mit offensichtlichen Körperbehinderungen ist das anders – können also weniger mit Verständnis und finanziellen Zuwendungen rechnen.

Die Frauen erzählen auch, dass es ihren Männern, Söhnen etc. viel schwerer falle zu betteln, sie würden es schwerer aushalten und sich mehr schämen, deshalb springen sie nur ein, wenn die Frauen nicht mehr können. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass aufgrund der geschlechtlichen Arbeitsteilung und der geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen das Betteln für Männer stärker als für Frauen ein Eingeständnis dessen ist, dass es ihnen nicht gelingt, ihre Aufgabe als Familienerhalter zu erfüllen, dass sie also Versager oder Opfer sind.

Frauen scheint es leichter zu fallen, die Phase der Scham zu Beginn des Bettelns zu überwinden, wichtig dafür sind auch erfahrene Frauen, die ihnen in dieser Phase Ratschläge geben. In den Gesprächen beschreiben die Frauen Leiden als eine zentrale inkorporierte Lebenserfahrung.

„In den neun Monaten hier [in Wien] bin ich sehr abgenützt worden. Man kann es mir ansehen, mit meinen 30 Jahren sieht man mir das viele Weinen an.“[32] – „Ich habe viele schlechte Erlebnisse und Probleme und habe viel geweint. Ich bin 17 und bin traurig seit ich sehr klein war.“[33]

Die Frauen erscheinen jedoch nicht als passive Opfer. Vielmehr wird das Leiden zu einem zentralen Element ihres Selbstverständnisses. Auf Basis ihres (teilweise religiösen) Glaubens an die Legitimität ihres Anliegens und der Hoffnung auf die Verbesserung ihrer Lebenssituation entwickeln sie eine Position als selbstbewusst Leidende. „Und wenn ich auch leide, dann leide ich dafür, dass meine Kinder etwas zu essen haben.“[34] Die Überlebenskompetenz, so könnte also schlussgefolgert werden, zeigt sich bei den Frauen in der Ausprägung eines Habitus´ des selbstbewussten Leidens.

Die Bettelpraktiken der Frauen sind vergeschlechtlicht, d.h. sie verwenden weiblich konnotierte Zeichen wie typische Frauenkleidung (Kopftuch, langer Rock…) oder Zeichen für ihre Mutterschaft. Manche der Zeichen und Haltungen sind religiös oder verweisen auf religiöse Bilder (etwa die klagenden Frauen) oder Heiligenstatuen (zum Himmel erhobene Hände…).

Bettlerinnen setzen ihre körperliche Präsenz ein, sie setzen sich in der Öffentlichkeit den Blicken aus. Praktiken wie das Anbieten von Rosen oder Straßenzeitungen scheinen derzeit zuzunehmen; diese erfordern es auf Menschen zuzugehen, sie an zu sprechen, jedoch weniger Sich-Aussetzen und zur Schau stellen und lenken die Aufmerksamkeit vom eigenen Körper auf einen Gegenstand.

Die Frauen werden durch das Betteln zu Familienerhalterinnen, ihre Männer – wenn anwesend – bleiben entweder in ihrer Nähe, um für Schutz zu sorgen und sie vor der Polizei zu warnen, verkaufen Zeitungen oder übernehmen die Kinderbetreuung.

Betteln als Frauenarbeit?

Frauen entwickeln aufgrund der jeweiligen gesellschaftlichen Geschlechterordnung geschlechtsspezifische Praktiken und Fähigkeiten, die in meiner Forschung als Überlebenskompetenz mit der Ausprägung eines Habitus’ des selbstbewussten Leidens konzipiert wurde. Die eingesetzten Praktiken und Zeichen sollen ihre Bedürftigkeit bei gleichzeitiger Ungefährlichkeit zeigen sowie die Abgrenzung von kriminellen bzw. „unehrenhaften“ Tätigkeiten, wie Diebstahl, Betrug oder Prostitution verdeutlichen.

Betteln ist eine Form der Existenzsicherung, die – soweit bekannt – sowohl historisch gesehen als auch gegenwärtig in Mitteleuropa relativ häufig von Frauen praktiziert wurde und zählt zu einer jener Tätigkeiten, mit der Frauen im öffentlichen städtischen Raum präsent waren und sind. Dennoch wäre es nicht gerechtfertigt von Betteln vorrangig als Frauenarbeit zu sprechen.

Neben den bisher angeführten Gründen für die Ausübung des Bettelns nennen die Frauen in den Interviews auch noch weitere: Die Tätigkeit erfordert keine Investitionen (von dem notwendigen Dokumenten und den Reisekosten nach Österreich, die nicht zu unterschätzen sind, abgesehen), keine formale Ausbildung, keine Arbeitsgenehmigung, keine Lohnarbeitserfahrung; sie führt nicht zur Streichung einer wenn auch geringen staatlichen Unterstützung im Herkunftsland. Die Frauen können das Betteln mit anderen Aufgaben kombinieren, da sie in der Ausübung zeitlich flexibel sind und sich etwa zwischendurch um die Versorgung ihrer Kinder kümmern können bzw. diese bei sich haben.

Als Auswirkung einer noch immer patriarchal strukturierten Gesellschaft, finden sich Frauen oft in gesellschaftlich wenig anerkannten Tätigkeitsfelder. Besonders in Krisenzeiten werden Frauen aus (besser) bezahlten Sektoren des Arbeitsmarktes in die Haus- und Subsistenzarbeit oder den informellen Sektor, zu dem auch das Betteln gezählt werden kann, verdrängt.

Zum Umgang mit Raum und Zeit – Strategie und Taktik

Zu Beginn meiner Forschung versuchte ich die Bettlerinnen über die rechtlichen Grundlagen aufzuklären und ihnen damit etwas in die Hand zu geben, womit sie sich gegen ungerechtfertigtes polizeiliches Handeln wehren können. Die Bettlerinnen waren weniger naiv als ich: „Werden die uns Rechenschaft geben?“ fragt mich Mara und Dana lacht nur bitter: „Kannst du das der Polizei sagen [dass Betteln legal ist], haha!“ Um sich auf der Ebene der Rechte wehren zu können, braucht es strategisches Handeln und eine gewisse institutionelle Macht, die den Bettlerinnen fehlt. Michel de Certeau unterscheidet in “Kunst des Handelns“ zwischen den Begriffen Strategie und Taktik. „Strategien sind somit Aktionen, die aufgrund der Voraussetzung eines Macht-Ortes (der Besitz von etwas Eigenem) theoretische Orte (totalisierende Systeme und Diskurse) schaffen“.[35] Strategien basieren auf der Möglichkeit der Planung und Kontrolle, einem eigenen Ort und der „Beherrschung der Orte durch das Sehen. Die Gliederung des Raumes ermöglicht eine panoptische Praktik ausgehend von einem Ort, von dem aus der Blick die fremden Kräfte in Objekte verwandelt, die man beobachten, vermessen, kontrollieren und somit seiner eigenen Sichtweise ‚einverleiben’ kann“[36]. Ein prägnantes Beispiel für strategisches Handeln sind die Wiener Linien, die alle Fahrgäste in den öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen 2006 und 2009 monatelang mit folgender Durchsage beschallten: „Viele Fahrgäste fühlen sich durch organisiertes Betteln in der U-Bahn belästigt. Wir bitten Sie, dieser Entwicklung nicht durch aktive Unterstützung Vorschub zu leisten, sondern besser, durch Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen zu helfen. Sie tragen dadurch zur Durchsetzung des Verbots von Betteln und Hausieren bei den Wiener Linien bei.“ Die Wiener Linien trugen dadurch wesentlich zur Verbreitung und Glaubwürdigkeit des Konstrukts der „von Hintermännern ausgebeuteten BettlerInnen“ und zur Entsolidarisierung bei.[37] Das Verständnis von „Organisiertheit“ scheint dabei bewusst diffus gehalten zu werden um eine Aura des Kriminellen zu erzeugen. „Organisiertheit“ im Sinne der gemeinsamen Organisation von Fahrzeugen oder Unterkünften ist unter Bettelnden üblich. Beweise für mafiöse Strukturen konnten bisher weder ForscherInnen noch Polizei erbringen; von Abhängigkeitsverhältnissen und Ausgenutztwerden nach der gängigen kapitalistischen Logik – etwa überzogene Zinsen oder Mietpreise – sind BettlerInnen jedoch auch betroffen.[38]

Wiener Linien, Polizei und die bürgerlichen Medien können strategisch handeln und ihre Wahrheiten verbreiten. Sie greifen die Frauen genau bei ihren Ressourcen an, kriminalisieren ihre Beziehungen („Bettelbanden“) und sprechen ihnen die moralische Legitimität ab („Missbrauch von Kindern“). Die Bettlerinnen hingegen müssen Taktikerinnen sein: „[o]hne eigenen Ort, ohne Gesamtübersicht, blind und scharfsinnig wie im direkten Handgemenge, abhängig von momentanen Zufällen, wird die Taktik durch das Fehlen von Macht bestimmt“. „Die Taktik hat nur den Ort des Anderen. Sie muß mit dem Terrain fertigwerden, das ihr so vorgegeben wird, wie es das Gesetz einer fremden Gewalt organisiert. […]Sie muss wachsam die Lücken nutzen, die sich in besonderen Situationen der Überwachung durch die Macht der Eigentümer auftun.“[39]

Perspektiven?

Die beiden verschiedenen Handlungslogiken Strategie und Taktik, die Certeau unterscheidet, können nicht nur hilfreich sein, um die Situation der BettlerInnen zu analysieren. Das Bewusstsein darum kann auch bei der Überlegung helfen, wie die Situation der BettlerInnen verbessert werden kann und welche Unterstützungsangebote sinnvoll sein könnten. Stephan Sting weist in seinem Artikel „Überleben lernen“ darauf hin, dass Menschen unter den Bedingungen von Ausgrenzungserfahrungen ein (subkulturelles) Bewältigungshandeln entwickeln, das einer eigenen Logik folgt. Es stellt eine kontextgebundene „Lösung“ dar und hat einen biografischen Sinn, auch wenn es aus anderer Perspektive dysfunktional erscheinen möge. Wenn Planung nicht oder kaum möglich ist, kann eine Form der Bewältigung von Ausgrenzungserfahrungen eine „radikale Gegenwartsorientierung“ sein, wie Sting schreibt[40]. Unterstützungsangebote an BettlerInnen müssen die bisherigen – auch geschlechtsspezifischen – Lebensbedingungen, Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten berücksichtigen, wenn sie erfolgreich sein wollen.

Welche Perspektiven bieten sich an? Es gibt keine einfachen Lösungen, sondern nur differenzierte intervenierende Problemlösungsansätze, schreibt Odilo Noti in seinem Artikel „Betteln in urbanen Kontexten. Soziale Integration versus Strategien des gesellschaftlichen Ausschlusses“ und schlägt Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen vor. [41] Welche Lösungsansätze gefunden werden können und wollen, hängt von der Definition des Problems oder des Konflikts ab; die Maßnahmen unterscheiden sich gravierend je nachdem ob die Belästigung durch den Anblick von BettlerInnen, ihre Armut oder die Wahrung der Grundrechte als Problem gefasst wird.

Notis Zielrichtung ist die eines menschenwürdigen Umgangs mit den bettelnden Menschen; er schlägt neben niederschwelligen Maßnahmen, die ein Minimum an sozialer Integration und menschenwürdiger Alltagsbewältigung ermöglichen (Gassenküchen, Obdachlosenstationen…), polizeiliche Maßnahmen gegen organisierte Banden und ein „ernsthaftes und glaubwürdiges Engagement in der Prävention“ vor.[42] Aufbauend auf Notis Vorschlägen sollen im Folgenden Handlungsperspektiven skizziert werden, die an einem würdigen und freien Leben aller orientiert sind.

Sicherung der Rechte von Bettelnden. Es gilt Betteln als Grundrecht der freien Lebensführung straffrei zu stellen und aktuelle Bettelverbote und ihrer Auslegung rechtlich anzufechten: Es braucht keine Bettelverbote um Menschen gegen Ausbeutung oder Belästigung zu schützen, da es hierfür bereits Gesetze im Strafrecht gibt (gegen Menschenhandel, gegen Nötigung,…). Die Bettelverbote dienen der Vertreibung von BettlerInnen und sollen daher ausnahmslos abgeschafft werden. Bis das erreicht wird, sollte zumindest gegen die derzeitige Auslegung der Verbote, etwa des organisierten oder aggressiven Bettelns, rechtlich vorgegangen werden.

Intervention in den dominanten Diskurs über Betteln. BettlerInnen werden durch PassantInnen und AnrainerInnen bedroht oder erniedrigender Behandlung ausgesetzt. Ablehnung von Bettelnden wird gegenwärtig offen gezeigt und ihre Beseitigung gefordert. Einerseits braucht es also Information und Aufklärung um die Stereotype zu verflüssigen und die Mythen über die Bettelmafia zu dekonstruieren, andererseits ist es notwendig Haltungen und Initiativen zu stärken, die sich für den Abbau von Ungerechtigkeitsstrukturen und Ausschlussmechanismen einsetzen. Ob Menschen BettlerInnen Geld, Zuwendung oder Sachspenden geben wollen ist ihre Sache, wichtig ist, dass die Anwesenheit von BettlerInnen ausgehalten wird. Die Veränderungen von Ausgrenzungsstrukturen, so betont Ferdinand Koller, macht auch die Austragung von Konflikten mit jenen, die von der bestehenden Situation profitieren und an deren Aufrechterhaltung festhalten, notwendig.[43]

Raum für Randgruppen – Anwaltsplanung Ulrich Bösebeck analysiert an einzelnen als gelungen bezeichneten Beispielen, dass die Bedürfnisse von sogenannten Randgruppen bzw. finanzschwächeren Gruppen zuwenig in Stadtplanung einbezogen werden und plädiert für eine – von der Stadt unabhängige – Anwaltsplanung, die die Interessen der Randgruppen vertritt, so sie das nicht selbst tun können.[44] Urbanes Leben, schreibt Schäfers, ist nur möglich als bewusst aufrechterhaltene Spannung zwischen physischer Nähe und sozialer Distanz[45], die Interessen aller sollen also in die Planung und Gestaltung von städtischem Raum einbezogen werden.

Schutz vor Ausbeutung. Wenn es im Rahmen von Betteln zu Ausbeutung kommt, dann sollte dem ebenso entschieden entgegen getreten werden wie gegen Ausbeutung in anderen Bereichen der Gesellschaft. Polizeiliche Maßnahmen mögen dafür nicht immer das erste und beste Mittel sein; niederschwellige soziale Einrichtungen und persönliche Kontakte können hier eine wichtige Funktion übernehmen. Wirksamer Schutz vor Ausbeutung ist aber nur dann möglich, wenn BettlerInnen egal welcher StaatsbürgerInnenschaft gleiche Rechte in dem Land haben, in dem sie sich aufhalten, etwa gleiches Aufenthaltsrecht, Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung und zu Sozialleistungen; da sie ansonsten leicht in Abhängigkeitsverhältnisse geraten oder ausgenutzt werden können.

Niederschwellige Einrichtungen und Maßnahmen für eine menschenwürdige Alltagsbewältigung. Derzeit gibt es nur wenige Sozialeinrichtungen, die von Menschen aus den neuen EU-Ländern genützt werden dürfen. Niederschwellige Angebote wie Essenausgaben, frei zugängliche medizinische Versorgung, Notschlafstellen, Beratungsangebote etc. können einen Beitrag zur menschenwürdigen Überlebenssicherung leisten.

Es wären auch Maßnahmen denkbar, die jene Tätigkeiten, die BettlerInnen (zusätzlich) ausüben, legalisieren: In Berlin wurde etwa diskutiert, ob Gewerbescheine für Autoscheiben putzende Menschen ausgegeben werden sollen.[46]

Die Vinzenzgemeinschaft Eggenberg in Graz versucht mit einkommensschaffenden Projekten ehemalige BettlerInnen in ihren Herkunftsorten zu unterstützen.[47] Dass die Schaffung derartiger Nischenprojekte sinnvoll sein kann, aber auch ihre Grenzen hat, zeigen die Entwicklungen rund um die Boulevard-Zeitung Augustin in Wien, die von über 100 KolporteurInnen verkauft wird und bei der zahlreiche Personen auf der Warteliste stehen, die ebenfalls als VerkäuferInnen aufgenommen werden wollen.

Auch niederschwellige Bildungsangebote, die sich an den bisher erworbenen Kompetenzen und Lebensbewältigungsstrategien der BettlerInnen orientieren, könnten ein sinnvolles Angebot sein.[48]

Freundschaft mit Menschen, die betteln. Wer bettelnden Menschen begegnet hat jedes Mal neu die Möglichkeit zu entscheiden, wie er oder sie handeln möchte: vorbei gehen und lächeln, ignorieren, spenden, grüßen, vorbei eilen, wegschauen oder auch die Personen an sprechen und kennen lernen, wenn sie das möchte…

Prävention: Noti versteht unter Prävention „die nachhaltige Bearbeitung von migrations- und sozialpolitischen Fragestellungen[49], eine nähere Ausführung dieses Punktes übersteigt auch den Rahmen dieses Artikels, deshalb seien nur einige Stichworte genannt wie gleiche Rechte für alle, Abbau von Diskriminierung jeder Art, Zugang zu Bildung und bedingungsloses Grundeinkommen.

Das würde nicht nur die Lebensbedingungen von derzeit Bettelnden verbessern, sondern die von uns allen!


[1] Götz, Bernd: Die Erfahrung, dass es nicht so ist wie angenommen. Über die Schwierigkeit, benachteiligten Jugendlichen mit Respekt zu begegnen. In: Baur, Werner/ Mack, Wolfgang/ Schroeder, Joachim (Hg.): Bildung von unten denken: Aufwachsen in erschwerten Lebenssituationen – Provokationen für die Pädagogik. Bad Heilbrunn/Obb. 2004, S. 171f.

[2] Frketic, Vlatka: Das Unbehagen der Bilder. Auf: http://2005.diagonale.at/dia-log/main.jart@rel=de&reserve-mode=&wl2=1103557292688.htm, 2005 [Stand 10/2009]

[3] Hall 1997 zitiert nach Schaffer, Johanna: Ambivalenzen der Sichtbarkeit. Über die visuellen Strukturen der Anerkennung. Bielefeld 2008, S. 62.

[4] Die Unterscheidung zwischen „ortseingesessenen und fremden“ Bettelnden und ihre unterschiedliche Behandlung lässt sich auch zu anderen Zeiten nachweisen, vgl. Jütte, Robert: Bettelschübe in der frühen Neuzeit. In: Gestrich, Andreas (Hg.): Ausweisung und Deportation. Formen der Zwangsmigration in der Geschichte. Stuttgarter Beiträge zur historischen Migrationsforschung. Band 2. Stuttgart 1995, S.61-72.

[5] Antiziganistische Stereotype finden sich etwa in mündlichen und schriftlichen Aussagen der Polizei und auch in – sonst sehr reflektiert wirkenden – wissenschaftlichen Artikeln: Mangieri und Gómez schreiben in „Weisen den Bettelns“ 2003 über die „Stadtzigeunern“: „Sich nähernde Zigeuner […] nehmen einen Gesichtsausdruck an, der Mitleid und Barmherzigkeit erheischt. Bei genauerem Hinsehen kann man jedoch erkennen, dass ihr Blick dabei die Merkmale von Stolz, Wildheit und Undurchdringlichkeit behält“. Die Stadtzigeuner würden eine „gezielte Invasion der Intimsphäre ihrer Opfer“ praktizieren, so die Autoren (vgl. Mangieri/ Gómez 2003: 182).

[6] vgl. Pichlkastner, Sarah: Arme stattgezaichnete bettler. Auf den Spuren der Wiener Bettlerinnen und Bettler mit Bettelerlaubnis („Stadtzeichen“) im 16. und 17. Jahrhundert. Wien 2009

[7] vgl. Geremek, Bronislaw: Geschichte der Armut. Elend und Barmherzigkeit in Europa. München/ Zürich 1988 (auf polnisch 1978 fertig gestellt, unveröffentlicht; 1986 auf italienisch erstmals erschienen), S. 65.

[8] vgl. Thuswald, Marion: Betteln als Beruf? Wissensaneignung und Kompetenzerwerb von Bettlerinnen in Wien. Wien 2008, Dipl.Arb., S. 137, 143ff.

[9] vgl. Thuswald, Marion: Arme beim Körper halten! Zur Situation von Bettlerinnen in Wien. In: Diakonia. Internationale Zeitschrift für Praxis in der Kirche. 40 Jahrgang, Heft 6, 11/2009. Freiburg u.a. 2009, S. 396-402.

[10] Zu Antiziganismus vgl. End, Markus/Herold, Kathrin/Robel, Yvonne (Hg.): Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments. Münster 2009.

[11] Die Vinzenzgemeinschaft Eggenberg mit ihrem Pfarrer Wolfgang hat neben Notschlafstellen für Bettler und mittlerweile auch Bettlerinnen auch einkommensschaffende Projekte in deren Herkunftsort geschaffen sowie Verfahren zur Anfechtung von Bettelverboten, etwa in Fürstenfeld, angestrengt. (http://www.vinzi.at [Stand 05/2010] vgl. auch den Beitrag von Wolfgang Pucher in diesem Band

[12] http://www.augustin.or.at/ [Stand 05/2010]

[13] https://bettellobbywien.wordpress.com/ [Stand 05/2010]

[14] vgl. Jütte: (Anm. 4), S. 68 und Pichlkastner: (Anm. 6)

[15] Die Forschungsergebnisse decken sich in vielem mit den Rechercheergebnissen der Filmemacherin Ulli Gladik, die in ihrem Film „Natasha“ eine Frau aus Bulgarien porträtiert, die in Österreich bettelt. siehe „Natasha“: http://www.natasha-der-film.at [Stand 06/2010].

[16] „Es war eine Frau, von ihr habe ich Geld bis am 10-ten oder 15-ten des Monats, wann bei uns man Geld be-kommt, ausgeliehen. Und sie hat mir gesagt: ‚Ich nehme dich mit mir dort, Gott soll dir helfen!’ Sie hat mich mitgenommen, sie hat mir Geld geliehen, weil ich nichts gehabt habe, 150 Euro.“ (Gespräch mit Mara 2006: 1)

[17] An den Verhältnissen mitbeteiligt sind westliche Unternehmen, die etwa in Rumänien von eben der sozioökonomischen Situation profitieren, die viele Menschen außer Landes treiben. Sie zahlen niedrige Gehälter, lassen – wie das Beispiel von Nokia in Jucu zeigt– unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten und verhindern gewerkschaftliche Organisation. Während die BettlerInnen in Wien wegen „aggressivem“ oder „organisiertem“ Betteln kriminalisiert und bestraft werden, gehören Unternehmensstrategien wie jene von Nokia zur akzeptierten Normalität. Vgl. Eggers, Barbara: Ernüchternde Zwischenbilanz: Nokia seit eineinhalb Jahren in Jucu, 2009, in: Verband der Siebenbürger Sachsen e.V., Siebenbürger Zeitung, München 2009. Online unter: http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/rumaenien/9118-ernuechternde-zwischenbilanz-nokia-seit.html [Stand 08/09].

[18] vgl. Hess, Sabine: Transnationale Überlebensstrategien von Frauen – Geschlecht und neuere Konzepte der Transkulturalität. In: Hobuß, Steffi/ Schües, Christina/ Zimnik, Nina/ Hartman, Birgit/ Atrut, Iulia (Hg.): Die andere Hälfte der Globalisierung. Menschenrechte, Ökonomie und Medialität aus feministischer Sicht. Frankfurt/ Main: 2001, S.197-225.

[19] Valentinitsch, Helfried: Bettlerinnen in Österreich (16. bis 18. Jahrhundert). In: Gerhard, Ute [Hg]: Frauen in der Geschichte des Rechts. München 1997, S.175-189.

[20] Sellach, Brigitte: Armut: Ist Armut weiblich? In: Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden 2004, S. 412-419.

[21] vgl. Valentinitisch: (Anm. 19), S. 180-184.

[22] Das zeigt auch der hohe Anteil von Frauen unter den StadtzeichnerInnen in Pichelkastner: (Anm. 6) S. 103-117

[23] Was die Polizei als “organisiert” bzw. “aufdringlich” ansieht, sollen Auszüge aus Strafverfügungen verdeutlichen: „Sie haben … in aufdringlicher und aggressiver Weise (indem Sie am Boden gesessen sind, Ihre Hände immer wieder vor die vorbeigehenden Passanten hielten und diese auch ansprachen, welche deshalb immer wieder ausweichen mussten und so der Verkehrsfluss der Passanten erheblich behindert wurde)… gebettelt.“
„Sie haben am 04.09.2007 von 10.30 bis 11.00 in Wien 1., Kärntner Straße Nr. 35-39 an einem öffentlichen Ort als Beteiligte einer organisierten Gruppe (d.h. in bewusster Verabredung von mindestens 3 Personen) um Geld oder geldwerte Sachen gebettelt. Konkret haben Sie folgende Tathandlung/en gesetzt:Sie haben vorbeigehende Passanten um Geld angebettelt, indem Sie diesen Ihre Hände entgegen gehalten haben. In Ihrer unmittelbaren Nähe haben I.B.,  und M.T. und M.B. Ebenfalls gebettelt, wobei Sie zu diesen Personen ständigen Sichtkontakt hatten.“

[24] So wurde beispielsweise auch der § 78 der Straßenverkehrsordnung laut dem es verboten ist den Fußgängerverkehr durch unbegründetes Stehenbleiben zu behindern, gegen Bettlerinnen angewendet. Die Polizei geht teilweise auch rechtswidrig vor, wie das Beispiel mit den Einträgen „Bettlerin“ in die Reisepässe von Frauen zeigt. Eine Frau berichtet in einem Gespräch 2007, dass sie mit ihrem fünfjährigen Sohn von zwei Beamten in den Wiener Wald gebracht und dort zurückgelassen worden war. Vgl. Thuswald: (Anm. 8): S. 103f., 118.

[25] zum Sicherheitsbedürfnis von Randgruppen vgl. Bösebeck, Ulrich: Stadtluft macht frei – und unsicher. Arbeitsbericht des Fachbereichs Stadtplanung – Landschaftsplanung, Heft 146. Kassel 2001, S. 116.

[26] vgl. Bösebeck: (Anm. 25), S. 393ff.

[27] Gespräch mit Mara 2007

[28] Zum Kompetenzkonzept vgl. Thuswald: (Anm. 8), S. 17ff.

[29] Bzgl. Konflikte zwischen BettlerInnen wurden mir nur von Konflikten mit einheimischen Bettlern erzählt, die andere vertrieben hätten.

[30] Gespräch mit Mara 2007

[31] Gespräch mit Mara 2007

[32] Gespräch mit Mara 2007

[33] Gespräch mit Sina 2006

[34] Gespräch mit Dana 2006

[35] Certeau, Michel de: Kunst des Handelns. Berlin 1988, S. 91.

[36] Certeau: (Anm. 35), S. 88.

[37] Die Durchsagen sind derzeit eingestellt, ob dies als Reaktion auf die Protestmailaktion der BettelLobbyWien erfolgte, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden.

[38] Ein Beispiel: Mara wusste nicht, dass ein Meldezettel beim Bezirksamt nichts kostet, sie musste bei ihren bisherigen UnterkunftsgeberInnen 40 Euro dafür bezahlen. (Gespräch mit Mara 2009)

[39] Certeau: (Anm. 35), S. 89.

[40] vgl. Sting, Stephan: Überleben lernen. In: Göhlich, Michael/Wulff, Christoph/Zirfas, Jörg: Pädagogische Theorien des Lernen. Weinheim u.a. 2007, S. 182.

[41] vgl. Noti, Odilo: Betteln in urbanen Kontexten. Soziale Integration versus Strategien des gesellschaftlichen Ausschlusses. In: Diakonia. Internationale Zeitschrift für Praxis ind er Kirche. 40 Jahrgang, Heft 6, 11/2009. Freiburg u.a. 2009, S.394.

[42] Noti: (Anm. 41), S. 394f.

[43] vgl. Koller, Ferdinand (2009): Betteln in Österreich. Eine Untersuchung aus theologisch-ethischer Perspektive. Wien 2009 Dipl. Arb., S. 78, 80f.

[44] vgl. Bösebeck: (Anm. 25). Zur Rolle der Sozialarbeit in Konflikten um öffentlichen Raum vgl. den Beitrag von Stephan Nagel in diesem Band.

[45] Vgl. Schäfers, Bernhard: Ansprüche der demokratisch verfassten Gesellschaft an den öffentlichen Raum. In: Informationen zur Raumentwicklung. Heft 1/2 2003. Auf: http//:www.bbr.bund.de/nn_23470/DE/Veroeffentlichungen/IzR/2003/Downloads/1_2Schaefers,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/1_2Schaefers.pdf [Stand 12/2007].

[46] vgl. Wedekind, Olaf (2009): Scheiben-Wischerei ist jetzt ein Beruf. In: BZ-News aus Berlin, 4.6.2009. Online auf: http://www.bz-berlin.de/aktuell/berlin/scheiben-wischerei-ist-jetzt-ein-beruf-article478726.html (19.05.2010).

[47] vgl. Thuswald: (Anm. 8), S. 194f.; Koller: (Anm. 43), S. 55.

[48] vgl. Thuswald (Anm. 8), S. 198, 214f.

[49] vgl. Noti (Anm. 41) , S. 295

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Eine Antwort to “Betteln als Frauenarbeit?”

  1. birgit.hebein Says:

    der Artikel beeindruckt mich wirklich, vielen Dank!

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