AUGENZEUGINNENBERICHT: Wie sechs Polizisten in Wien gegen eine Bettlerin vorgehen.

by

Liebe FriedensaktivistInnen! am Montag dieser Woche passierte mir ein sehr schockierendes Erlebnis, daher bitte ich alle um Zivilcourage im Alltag und um Aufmerksamkeit, um dieser „Säuberung“ ein Ende zu setzen, denn es ist genug für uns alle da!!!!! LG Birgit Henökl

Meldung eines Vorfalls am 12.4.2010, 18:00Uhr Vor dem SPAR-Geschäft in der Neubaugasse, vis a vis des Renaissancetheaters, 1070 Wien Vor der SPAR-Filiale in der Neubaugasse sehe ich zu oben genannten Zeitpunkt, wie 6 Polizisten auf eine junge weinende Frau einreden, dass sie mit ihnen mitgehen soll, sie weigert sich aber. Ich sehe, dass sich eine Frau einmischt und die Polizisten fragt, warum sie da nicht betteln dürfe, sie habe doch niemandem etwas getan (wie mir nachher gesagt wurde, rief SPAR die Polizei an, dass die „Bettlerin“ die KundInnen von SPAR nicht belästigen dürfe und die Polizei sie abholen solle). Die Situation ist völlig absurd und grotesk, dass eine einzelne Frau von 6 Polizisten derart umringt und bedrängt wird, dass ich ebenso stehenbleibe und mich gemeinsam mit der Frau einmische. Auch eine andere Passantin bleibt stehen sowie drei Männer, gemeinsam versuchen wir der Polizei klar zu machen, dass dies keine strafbare Handlung sei, weil Betteln in Wien erlaubt sei* und sie habe ja schließlich nichts gestohlen und niemanden umgebracht! Andere Personen, die sich einmischen wollen, werden weggewiesen. Die Polizisten sagen uns, dass sie sich nicht ausweisen könne und deswegen ihr Betteln eine strafbare Handlung sei, weil es diesen Menschen, die sich nicht ausweisen können, nicht erlaubt sei, zu betteln. Ich sage darauf hin, dass ich sie gerne zu mir einladen würde und sie sollen sie doch gehen lassen. Die Polizisten meinen, dass ich sie ja nicht einmal kenne. Ich sage darauf, dass das nichts macht, ich kann zu mir einladen wen ich will. Die Polizei sagt, dass die Frau, die sie kontrolliert haben, fremd aussähe (racial profiling). Außerdem hat ein Polizist gesagt (so in etwa): Ja, sollen doch alle zu uns kommen und auf den Straßen sitzen und betteln (also in etwa O-Ton Fekter oder Strache). Der Zivilpolizist hat mir gedroht, mich festzunehmen, wenn ich nicht sofort weggehe. Wir diskutieren weiter mit der Polizei, auf einmal eskaliert die Situation, die Polizisten zerren die junge Frau gewaltsam in den Polizeiwagen, die um Hilfe schreiende junge Frau versucht sich an einem mobilen Halteverbotsschild zu klammern, sie wird von den Polizisten von diesem weggezerrt und brutal ins Dienstauto hineingedrängt. Ohne jede Vorwarnung, anscheinend nicht gewillt noch länger herum zu diskutieren, packen die Beamten einfach zu, verfrachten die Frau ins Auto und fahren weg. Ein äußerst brutales und völlig überflüssiges Vorgehen!!!! Dabei rempeln sie auch mich um und einer steigt mir voll auf meine große Zehe. Wir diskutieren weiter mit den zwei zurückgebliebenen Polizisten, ob so etwas denn wirklich notwendig sei und dass sie viel zu brutal mit dieser Frau und anderen umgehen und wir das einfach nicht akzeptieren. Sie sagen, dass sie amtshandeln müssen sobald die SPAR-Filiale anruft. Ich sage, ob sie nicht wichtigere Sachen zu tun hätten, wenn eh dauernd davon die Rede ist, dass es zu wenige PolizistInnen gibt, da bräuchten sie nicht unbedingt in erster Linie Jagd auf Bettlerinnen machen, es gäbe viel Wichtigeres zu tun!!!! Ich finde es auch schlimm, dass SPAR solche Anrufe tätigt und ich werde versuchen, SPAR beim Einkaufen zukünftig nicht mehr zu besuchen!!! Die zwei Polizisten waren sehr bemüht, uns beizubringen, dass wir doch so etwas verstehen sollen, was ich nicht kann und auch nie verstehen werde. Für mich ist es ein Akt der Willkür und Menschenhatz, die ich nicht dulden kann! Danke, dass sich relativ viele PassantInnen so mutig mit uns engagiert haben, was heutzutage nicht (mehr) selbstverständlich ist!!! Mag.a Birgit Mbwisi-Henökl

* Wie ich soeben erfahren haben, ist dieses unglaubliche Vorgehen der Polizei, das einen nur ohnmächtig zurücklässt, seit drei Wochen gedeckt, nachdem im Wiener Landtag ein „Bettelverbot“, von der SPÖ eingebracht und auch von ÖVP und FPÖ jubelnd beschlossen wurde. Dieses Verbot definiert „gewerbsmäßiges Betteln“ als „wiederholt auftretend“, d.h. mehr als einmal betteln und schon ist man ein/e Kriminelle/r, der das erste Mal verwarnt und das zweite Mal mit einer Geldstrafe von Euro 700,– belegt wird. In dieser Novelle des „Sicherheitsgesetzes“ ist übrigens das „Wegweisungsrecht“ von Personen die aufgrund ihrer Erscheinung anderen Bürgern in öffentlichen Räumen unangenehm auffallen, weil sie „anders“ aussehen oder sich „anders“ verhalten!!!!! mit beschlossen worden. Nichts anderes als eine „Säuberungsaktion“ um das Stadtbild nicht zu beschmutzen wurde mit diesem Gesetz eingeleitet. Die durch Wien spazierenden Menschen sollen nicht durch den Anblick des Elends vom Einkaufen abgehalten bzw. belästigt werden, folgerichtig hat auch SPAR den Gehsteig vor seinem Geschäft „säubern“ lassen. Solche Maßnahmen erinnern an Zeiten, gegen deren Wiederkunft sich in diesem Land jeder Mensch zur Wehr setzen müsste.

Vielen Dank an Frau Henökl für den Augenzeugenbericht und ihr couragiertes Auftreten. BLW

Werbeanzeigen

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: