Arme beim Körper halten

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Zur Situation von Bettlerinnen in Wien

von Marion Thuswald

Armut und Mobilität

Über Betteln wird derzeit in Österreich noch immer viel diskutiert, vor allem im Zusammenhang mit Kriminalität, Sicherheit, Störung, Belästigung und Ausbeutung – und mit der Forderung nach einem generellen Bettelverbot. Der folgende Artikel widmet sich der Situation bettelnder Frauen ohne österreichische Staatsbürgerinnenschaft in Wien; also jenen Pendelbettlerinnen, die aus EU-Ländern wie Rumänien oder Bulgarien für gewisse Zeit nach Österreich kommen, mit dem Ziel ihre Lebenssituation zu verbessern. Wenn ihr Herkunftsort für wöchentliches Pendeln zu weit von Wien entfernt liegt, bleiben die Frauen für einige Monate hier und mieten Zimmer oder Betten; manche bringen ihre Kinder mit. Die Frauen betteln oder bieten Rosen an, sie sitzen im U-Bahnbereich oder vor Lebensmittelgeschäften,wienerlinien
sie gehen durch die Märkte oder halten sich in touristisch frequentierten Gebieten auf. Die Beschreibung ihrer Lebenssituation sowie die Zitate in diesem Artikel  stammen aus Gesprächen mit bettelnden Frauen aus Rumänien und der Slowakei, die mit Hilfe einer Dolmetscherin geführt wurden.[i] In Wien betteln zudem auch Männer ohne österreichische Staatsbürgerschaft, Obdachlose, Punks und andere, deren ähnliche bzw. unterschiedliche Bedingungen jedoch im folgenden nicht Thema sind.

Für die Pendelbettlerinnen sind die Auswirkungen der gegenwärtigen Bettel-Diskussionen  Kriminalisierung, Strafen, Abnahme des erbettelten Geldes, Vertreibung, Bespukt- oder Beschimpft werden, Angst und eine Fortsetzung der Bedingungen, die sie dazu bewogen haben nach Österreich zu kommen: Überlebensunsicherheit und soziale Ausschließung.

Betteln ist eine Möglichkeit der Überlebenssicherung für jene, die vom Arbeitsmarkt und vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen sind, aufgrund von Geschlecht, Mutterschaft oder ethnischer Zuschreibung diskriminiert werden und ohne überlebenssichernde staatliche Unterstützung zurecht kommen müssen. An den Verhältnissen mitschuldig sind westliche Unternehmungen, die etwa in Rumänien von der sozioökonomischen Situation profitieren, die viele Menschen außer Landes treibt. Sie zahlen rumänische nicht österreichische Gehälter, lassen – wie das Beispiel von Nokia in Jucu zeigt[ii] – unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten und verhindern gewerkschaftliche Organisation. Während die Bettlerinnen in Wien wegen „aggressiven“ oder „organisierten“ Bettelns kriminalisiert und bestraft werden, gehören Unternehmensstrategien wie jene von Nokia zur akzeptierten Normalität.

„Nein, bei uns zuhause kann man nicht betteln, denn wir leben in Armut. Um was sollten wir dort betteln, wenn es überall Armut gibt? Von wem betteln? Unsere Nachbarn, die gelernt haben, hatten einen Job. Aber es hat viele Entlassungen gegeben. Die Franzosen haben „Dacia“ gekauft [eine Autofabrik in Rumänien, die von Renault übernommen wurde], und durch die Privatisierung gibt es jetzt bei uns viele Arbeitslose.”[iii] 

„Dort [in der Slowakei] sind sie sehr arm. […] Dort würde ich umsonst betteln, du könntest den ganzen Tag um so circa zwei bis drei Kronen betteln, dort ist das Geld nicht locker, jeder spart sehr.“[iv]

„Eine Grundvoraussetzung der Existenzsicherung von Unterschichten war eine große Mobilität“, schreibt Helfried Valentinitsch[v] zur Situation von Bettlerinnen im 16. bis. 18 Jahrhundert. Dies scheint ebenso für die aktuelle Situation zu gelten; der Raum, den die Pendelbettlerinnen des 21. Jahrhundert nützen, kann als transnationaler informeller öffentlicher Raum beschrieben werden; ein Restraum, der als Nebenwirkung aus den EU-Beitritten der Herkunftsländer und der damit verbunden Reisefreiheit, dem Wohlstandsgefälle und der freien Zugänglichkeit des öffentlichen Raums entsteht.

Frau Raluca, ist seit 2005 mit einem oder beiden ihrer Kinder immer wieder für mehrere Monate in Österreich. Eine Frau, bei der sie in ihrem Herkunftsort immer wieder Geld geliehen hatte, schlug ihr vor, es doch in Österreich zu versuchen. Frau Raluca begann in Wien zu betteln, anfangs wie empfohlen auf einer belebten Einkaufsstraße. „Wir hätten gerne Arbeit, aber wie  soll ich Arbeit bekommen? Ich habe Frauen gefragt, und man hat mir gesagt, man kann mich nicht einstellen, denn ich habe nicht die nötigen Papiere.“ Sie wurde wiederholt von der Polizei aufgefordert zu verschwinden, ihre Daten wurden aufgeschrieben, Geld wurde ihr jedoch zu dieser Zeit keines abgenommen.

 

Sichtbarkeit und Bedrohung

Wer den öffentlichen Raum wie nutzen darf – ja, was überhaupt als öffentlicher Raum gilt und wie viel es davon geben soll –, ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Derzeit schrumpft der öffentlichen Raum zugunsten privater und kommerzialisierter Räume: Bänke müssen Straßencafes weichen und Bahnhöfe werden zu Einkaufszentren. Der Umgang mit den Bettlerinnen und die emotionalisierte Debatte müssen im Kontext des Diskurses der „sauberen und sicheren“ Stadt und der Verschiebung und Kanalisierung von sozialen und politischen Konflikten gesehen werden.

Es gibt in Wien kein generelles Bettelverbot – wie auch die regierende sozialdemokratische Partei  betont, die jedoch mit der Aktion scharf selbst Stimmung gegen bettelnde Menschen macht. Im Wiener Landes-Sicherheitsgesetz gelten nur organisiertes, aufdringliches, aggressives und Betteln von und mit Kindern als strafbar. Das Gesetz wird jedoch so ausgelegt, dass jede Art von Betteln bestraft werden kann: Als aufdringlich gilt etwa, so ein Beamter des Wiener Magistrats für Krisenmanagement und Sofortmaßnahmen, jedes Sprechen („Bitte, danke, alles Gute“) als auch jedes Handausstrecken – Sitzen sei ebenfalls verboten, da es den Fußgängerverkehr behindere. Erlaubt sei nur stehendes Betteln, bei dem nicht gesprochen und der Arm nicht ausgestreckt, sondern beim Körper gehalten wird.

Aufgrund von Vertreibung und Angst vor der Polizei wechselte Frau Raluca von der belebten Einkaufsstraße vor ein Lebensmittelgeschäfte in einem Außenbezirk, wo sie von den Angestellten akzeptiert wurde und freundliche Kontakte zu einigen StammkundInnen etablierte. Sie kannte Wien nun schon besser und sprach auch einige Sätze Deutsch.

 

Wissen und Kompetenzen, die sie zum Betteln brauchen, eigenen sie die Frauen durch Ausprobieren, Nachahmen, um Rat fragen oder Unterweisung durch erfahrenere Frauen an. Die spezifische Kompetenz, die die Frauen unter den gegebenen Lebens-, Arbeits- und Lernbedingungen entwickeln, kann als Überlebenskompetenz bezeichnet werden. Dazu gehören die Fähigkeiten Normalität herzustellen trotz prekärer Bedingungen, die eigenen Integrität zu erhalten trotz Bedrohung, der eigenen Menschenkenntnis zu vertrauen, Handlungsfähigkeit zu erhalten trotz Unsicherheit, Gelegenheiten als Chancen wahrzunehmen und zu nutzen, den Glauben an die Menschlichkeit und die Hoffnung auf ein besseres Leben zu behalten, Kraft aus der eigenen Moral und der Legitimität des eigenen Anliegens zu ziehen und  – ein Wir schaffen.

 

Betteln als Frauenarbeit?

Für die Bettlerinnen ist der Kontakt zu anderen Frauen, besonders jenen ihrer Sprachgemeinschaft, sehr wichtig. In der Phase der Entscheidung im Herkunftsland erfahren sie durch Mundpropaganda von anderen Frauen über die Möglichkeit durch Betteln in Österreich zu Geld zu kommen. In der ersten Zeit des Bettelns, einer Phase der Scham, lernen sie von anderen wie und wo sie betteln können, gewöhnen sich allmählich und etablieren eine prekäre Normalität.

Neben jenen verwandten oder befreundeten Frauen mit denen sie engen Kontakt haben, die Wohnung teilen, gemeinsam zum Betteln gehen oder sich gegenseitig aus dem Gefängnis freikaufen, tauschen sie sich auch mit anderen Bettlerinnen aus, die sie auf der Straße treffen.

„Eine Frau ohne Arme hat mich weinen gesehen. Sie wurde von der Polizei nicht so oft mitgenommen, weil sie keine Arme hatte. Sie sagt zu mir: ‚Schau, ich bring dich wohin, bleib da mit deinem Kind. Die Leute werden dir auch zu essen geben.’ Und sie hat mich hierher [zu einem bestimmten Bettelplatz] gebracht, ich danke ihr.“[vi]

 

Wissen wird weitergegeben und die Frauen vergewissern sich ihres gemeinsamen Schicksals: sie schaffen ein Wir. Ihr geteiltes Selbstverständnis lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Wir haben keine andere Wahl.

Wir tun es nicht für uns, sondern für unsere Kinder (Geschwister, Familie).

Das Betteln ist nur vorübergehend, wir hoffen auf eine bessere Chance.

 

Auch die Gebenden und besonders jene, die über eine Spende hinaus Mitgefühl zeigen, sind zu einem großen Teil Frauen – selten reich aussehende Menschen:

„Eine Frau hat mir 5 Euro gegeben und sie hat meine Hand fest gehalten. Sie hat beinahe auch geweint. Da habe ich gesehen, lieber Gott, dass es noch Menschen mit gutem Herzen gibt.“

„Wenn man Leute in Anzug sieht oder reichere Leute, nie geben die! Sie schimpfen mit uns, sie spuken uns an, sie sagen, dass sie die Polizei rufen. Ärmere, Ältere, auch Kinder, Jugendliche, die sagen mir, dass es ihnen leid tut, dass sie aber auch nichts haben.“[vii]

 

Mit Hilfe einer rumänisch sprechenden Frau, die sie auf der Straße kennenlernte, gelang es Frau Raluca einen Ausweis der Straßenzeitung „Die Bunte“ zu bekommen, der ihr aber nicht wie erwartet Schutz vor der Polizei bot. Von Polizeibeamten – manche auch in Zivil – wurde ihr wiederholt Geld abgenommen. Zahlreiche Strafen trafen an ihrer Meldeadresse ein, manche gelangten auch gar nicht bis zu ihr, da sie nicht immer Zugang zum Postkasten hatte. Im Eingangsbereich einer U-Bahnstation in einem Wiener Außenbezirk wurde sie mehrmals aufgegriffen und eines Tages von der Polizei mitgenommen und mit ihrem fünfjährigen Sohn in den Wienerwald gebracht, wo die Polizeibeamten sie aussteigen und allein zurück ließen.

 

Die Polizei handelt zumeist als Reaktion auf Beschwerden und Aufforderungen von Geschäftsleuten, AnrainerInnen und PolitikerInnen und nimmt als rechtliche Grundlage für die Vertreibung der BettlerInnen, was sich gerade anbietet, etwa auch die Straßenverkehrs- oder Gewerbeordnung und greift teilweise auch zu illegalen Methoden, etwa zum Eintrag „Bettler“ in  Reisepässe.

Seit dem Bettelverbot mit Kindern, das im Juni 2008, gerade rechtzeitig zu Beginn der Europameisterschaft in Wien in Kraft trat, nahm Frau Raluca ihre Kinder nicht mehr zum Betteln mit, aus Angst, dass sie ihr abgenommen würden.

Sie begann in touristischen Zonen Wiens für eine kleine Spende Rosen anzubieten und wurde erneut von der Polizei erwischt. Als diese sie aufgrund der rechtsgültigen Strafen einsperrte, während ihre Kinder in der Wohnung auf sie warteten, blieb ihr keine andere Möglichkeit, als sich Geld zu leihen, um alle offenen Strafen zu zahlen und frei zu kommen. Mittlerweile hat sie über 2.000 Euro Strafen bezahlt – ihre Erspartes sowie geliehenes und geschenktes Geld – und etwa nochmals dieselbe Summe an Strafen offen, wegen Betteln, Schwarzfahren und unterstellter Diebstähle – letzteres leider auch keine Ausnahme in Wien.

 

Die Kampagne gegen BettlerInnen – gefährlich auch, weil sie den Antiziganismus schürt –  wird von fast allen bürgerlichen Medien betrieben und zusätzlich durch eine monatelange skandalöse Durchsage der Wiener Linie im gesamten Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel unterstützt:

„Viele Fahrgäste fühlen sich durch organisiertes Betteln in der U-Bahn belästigt. Wir bitten Sie, dieser Entwicklung nicht durch aktive Unterstützung Vorschub zu leisten, sondern besser durch Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen zu helfen. Sie tragen dadurch zur Durchsetzung des Verbots von Betteln und Hausieren bei den Wiener Linien bei.“

Derzeit sind die Durchsagen eingestellt – möglicherweise auch in Reaktion auf eine Protestkampagne der BettelLobby Wien.

Im Frühling 2008 wurde gegen Frau Raluca, eine EU-Bürgerin, ein fünfjähriges Aufenthaltsverbot  verhängt. Mit Hilfe von FreundInnen und einem Anwalt wurde in erster und zweiter Instanz gegen das Aufenthaltsverbot berufen, die weitere Entscheidung ist offen. Die Angst um ihre Kinder im Falle ihrer Verhaftung, ließ sie den Vater ihrer Kinder, von dem sie getrennt ist, nach Österreich holen. Seit einigen Monaten gehen ihre beiden Kinder – bisher in Rumänien nur sporadisch beschulten – in Wien in eine öffentliche Schule, die den Einstieg der Kinder mitten im Schuljahr vorbildlich und unbürokratisch unterstützt hat. Die Kinder gehen gerne zur Schule und haben in kurzer Zeit sehr gut Deutsch gelernt und Freunde gefunden.

 

In den Interviews geben die Frauen an, dass PassantInnen ihnen als Frauen mehr geben würden als bettelnden Männern. Zudem erzählen sie, dass es ihre Männern und Söhnen viel schwerer falle zu betteln, sie würden sich mehr schämen und deshalb nur einspringen, wenn die Frauen nicht (mehr) können. Ein Grund für diesen Unterschied könnte die geschlechtsspezifische Erwartung und Arbeitsteilung sein. Für arbeitsfähige Männer ist das Betteln ein Eingeständnis, dass es ihnen nicht gelingt, ihre Rolle als Familienerhalter zu erfüllen, sie also Versager oder Opfer sind. Frauen scheint es leichter zu fallen, die Rolle der Bittstellerin – vor allem auch zum Wohl ihrer Kinder – mit ihrem Selbstbild zu vereinbaren. Leiden beschreiben die Frauen in den Gesprächen als eine zentrale inkorporierte Lebenserfahrung.

„In den neun Monaten hier bin ich sehr abgenützt worden. Mann kann es mir ansehen, mit meinen 30 Jahren sieht man mir das viele Weinen an.“[viii]

„Ich habe viele schlechte Erlebnisse und Probleme und habe viel geweint. Ich bin 17 und bin traurig seit ich sehr klein war.[ix]

Dennoch erscheinen sie nicht als passive Opfer. Vielmehr wird das Leiden zu einem zentralen Element ihres Selbstverständnisses und der Legitimität ihres Handelns und sie vertreten ihr Anliegen selbstbewusst.

„Und wenn ich auch leide, dann leide ich dafür, dass meine Kinder etwas zu essen haben.“[x]

Die Frauen werden durch das Betteln zu Familienerhalterinnen, ihre Männer – wenn anwesend – bleiben entweder in ihrer Nähe, um für Schutz zu sorgen und sie vor der Polizei zu warnen, verkaufen Zeitungen oder übernehmen die Kinderbetreuung.

 

Selbstorganisation und Kriminalisierung

Polizei, Wiener Linien und PolitikerInnen greifen die Bettlerinnen genau bei ihren Ressourcen an: Sie kriminalisieren ihre Beziehungen und sozialen Netze („Bettelbanden“, „mafiöse Strukturen“) und sprechen ihnen ihre moralische Legitimität ab („Missbrauch von Kindern“). Mit Hilfe des Begriffs „organisiert“ wird eine Nähe zum „organisierten Verbrechen“ bzw. ein Ausbeutungsverhältnis suggeriert („Bettelmafia“, „Hintermänner“). Aufgrund „organisierten Bettelns“ bestraft werden jedoch bereits drei Personen, die sich zum Betteln verabreden und dies etwa dadurch zeigen, dass sie während des Bettelns immer wieder Augenkontakt haben – ungeachtet dessen ob es sich um Ausbeutungsverhältnisse handelt oder nicht. Hinweise auf „große Strukturen“, das musste auch die Polizei bereits öffentlich zugeben, waren bisher falsch oder unüberprüfbar; die Vorurteile halten sich jedoch hartnäckig.[xi]

 

Dass es Ausbeutung von BettlerInnen gibt bzw. ihre prekäre Situation von anderen ausgenutzt wird, kann nicht ausgeschlossen werden.  Die interviewten Frauen erzählen in Gesprächen von Menschen, die ihnen einerseits geholfen haben nach Österreich zu kommen oder eine Wohnung zu finden, andererseits aber auch falsche Versprechungen gemacht oder ihnen – etwa für Wohnung oder Vermittlung – unangemessen viel Geld abverlangt haben. 

 

Frau Raluca wusste nicht, dass ein Meldezettel in Wien kostenlos ausgestellt wird. Sie musste bisher pro Stück 40 Euro an die Person zahlen, die sie angemeldet hat. Seit einigen Wochen kann sie die Wohnung kaum mehr verlassen. Im Sommer dieses Jahres wurde sie erneut aufgegriffen und aufgrund des gültigen Aufenthaltsverbotes – das Gericht hat gegen eine aufschiebende Wirkung der Berufung entschieden – in Schubhaft gebracht. Sie wurde jedoch (wegen der Intervention einer Freundin?) mit der Aufforderung innerhalb von drei Tagen auszureisen, wieder freigelassen. Frau Raluca entschied sich trotzdem in Österreich zu bleiben und vorerst illegalisiert hier zu leben – nicht zuletzt wegen dem Schulbesuch ihrer Kinder sowie dem Fehlen einer Perspektive bei ihrer Rückkehr. Seither wird sie  von Verfolgungsängsten geplagt, da sie weiß, dass jeder nächste Polizeikontakt  Inhaftierung bedeuten wird. Rosen verkaufen ist somit unmöglich, die Untätigkeit verbunden mit dem Fehlen einer Einkommensquelle erzeugt enormen Stress, auch wenn sich erste Möglichkeiten für Gelegenheitsjobs auftun.

 

Frau Raluca kann nicht verstehen, warum die Polizei so hinter ihr her ist und diese Lawine an Anzeigen und Strafen über sie rollt, obwohl sie doch nichts verbrochen hat. Die hohe Summe an Strafen zu begleichen, hat ihr nicht geholfen, ihre Situation hat sich verschlechtert, gleichzeitig gibt es durch den Schulbesuch eine Perspektive für ihre Kinder, die sie nicht verlieren möchte. Ohne diese Maschinerie an Vertreibungen, Geldabnahme und Strafen hätte sie sich in einigen Monaten eine brauchbare Summe erbetteln können, sie hätte vielleicht das Haus aus Stroh und Lehm in ihrem Herkunftsort fertig bauen und die notwendige Einrichtung kaufen können, vielleicht hätte sie ihrer kranken Mutter Geld gegeben oder, wie eine andere Bettlerin, Geld für ihre Kinder angespart – jedenfalls hätte sie nicht schon Mitte dreißig so viele graue Haare bekommen.

 

Perspektiven?

Als langfristige Perspektive sehen die Bettlerinnen ihre Tätigkeit nicht, sie hoffen auf einen Job, einen Gewerbeschein, das Geld für eine notwendige Operation oder den Wiederaufbau kaputter Häuser.

Es gibt vereinzelt Initiativen und engagierte Personen, die versuchen, Bettlerinnen zu unterstützen. Neben Essensausgaben von kirchlichen Einrichtungen gibt es jedoch in Wien kaum Einrichtungen, welche auch Nicht-StaatbürgerInnen die keine AsylwerberInnen sind Hilfe überhaupt anbieten dürfen und können. Dafür sorgt der von der Stadt Wien eingerichtete Fond Soziales Wien mit seine Förderbedingungen. Eine Einrichtung wie die Vinzenzgemeinschaft Eggenberg in Graz, die Schlafplätze für BettlerInnen anbietet und einkommensschaffende Projekte in der Herkunftsregion initiiert, gibt es in Wien nicht. 2008 hat sich jedoch die BettelLobby Wien gegründet, um Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen zu vernetzen, der Kriminalisierung von BettlerInnen entgegenzuwirken um mehr über die Lebensbedingungen der BettlerInnen zu erfahren, um darüber zu informieren und Unterstützung anbieten zu können (https://bettellobbywien.wordpress.com/).

 

Welche langfristige Unterstützung möglich wäre, ist für die BettelLobby Wien jedoch erst die zweite Frage.

Bettlerinnen zeigen ihre Armut öffentlich, das ist ein machtvolle Geste, wie sich an den massiven Vertreibungsmaßnahmen ablesen lässt. Diese Sichtbarmachung von Armut, ihre Raumnahme scheinen manche Menschen wie auch Behörden schwer auszuhalten.

Zuallererst muss also sichergestellt werden, dass der öffentliche Raum in Wien nicht nur jenen gehört, die Geld haben, dass BettlerInnen hier nicht gedemütigt, kriminalisiert, vertrieben und bestraft werden, dass die Freiheit zu betteln gewährleistet ist.

 

„Sie [die Polizei] sollen uns nicht das Geld wegnehmen und uns wie Hunde behandeln…“ Frau Raluca hält inne und korrigiert sich: „Nein, ich sehe, dass die Hunde hier sehr gut behandelt werden […] Wenn ein Hund jault, gibt man ihm zu essen, uns aber verpassen sie Tritte.“[xii]

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[i]           Der Text basiert auf folgender Diplomarbeit: Marion Thuswald, Betteln als Beruf? Wissensaneignung und Kompetenzerwerb von Bettlerinnen in Wien, Wien 2008 sowie auf der Arbeit der BettelLobby Wien: https://bettellobbywien.wordpress.com/

[ii]          Barbara Eggers, Ernüchternde Zwischenbilanz: Nokia seit eineinhalb Jahren in Jucu, 2009, in: Verband der Siebenbürger Sachen e.V., Siebenbürger Zeitung, München 2009, auf: 

            http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/rumaenien/9118-ernuechternde-zwischenbilanz-nokia-seit.html (31.08.09)

[iii]         Gespräch mit Frau Raluca, Juli 2006

[iv]         Gespräch Dana, August 2006

[v]          Helfried Valentinitsch, Bettlerinnen in Österreich (16. bis 18. Jahrhundert), München 1997, in: Ute Gerhard (Hg.), Frauen in der Geschichte des Rechts, München 1997, S.175-189, S.180

[vi]         Gespräch mit Frau Raluca, April 2007

[vii]        Gepräch mit Frau Raluca, April 2007

[viii]       Gespräch mi Frau Raluca, April 2007

[ix]         Gespräch mit Sina, Juli 2006

[x]          Gespräch mit Dana, August 2006

[xi]         Karin Strycek, „Hinweise auf große Strukturen waren falsch“, 09.02.2009, auf: http://www.wienweb.at/content.aspx?menu=11&cid=160369 (31.08.09)

 

[xii]        Gespräch mit Frau Raluca, April 2007

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