Sehr geehrter Herr Polizeipräsident Mag. Dr. Pürstl!

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an: bpdw.wien@polizei.gv.at  Cc: redaktion@heute.at ;  polizei@heute.at

Ihren Kommentar im der Gratiszeitung „Heute“ am 8.7.2009 (siehe unten) haben wir – die BettelLobbyWien – mit großem Bedauern zu Kenntnis genommen.

Wir möchten Sie gerne darauf aufmerksam machen, dass Ihnen in Ihrer Funktion eine große Verantwortung in Bezug auf die Meinungsbildung der LeserInnen zukommt. Daher ersuchen wir Sie auf diesem Wege, Ihre Stellungnahme unter dem Gesichtspunkt der Menschlichkeit und hinsichtlich falscher Angaben nochmals zu durchdenken.

Für wen stellt Betteln ein Ärgernis dar?

Doch nur für den Menschen, der sich gerne in einem Reservat für Bestverdiener zurückziehen möchte – sozusagen Cluburlaub im Alltag all inclusive!! – um nicht die Not des Mitmenschen wahrzunehmen….

Was verstehen Sie bzw. Ihre Organisation unter aufdringlichem bzw. aggressivem Betteln?

Das Plakatieren von halbverhungerten Kindern etc, wie es bei großen Hilfsorganisationen üblich ist, um die Spendenfreudigkeit anzuheben und die Menschen aufzurütteln….

 Was meinen Sie mit „gerade noch erlaubten“ Betteln?

Das Betteln als (letzte) Möglichkeit zum Erwerb des Lebensunterhalts – und damit ein Grundrecht laut Artikel 8 der Europäischen Menschrechtskonvention…

Was meinen Sie mit „Zur-Schau-Stellen“ völliger Verwahrlosung, das offenen Herzeigen von Krankheiten, Verletzungen oder körperlichen Verstümmelungen?

Heißt das in weiterer Folge, dass wir unsere psychisch Kranken, unsere körperlichen und/oder geistig behinderten MitbürgerInnen oder alle, die irgendwie nicht der Norm entsprechen, „wegsperren“ müssen, weil ihr Erscheinen, der Öffentlichkeit nicht zumutbar ist…. Diese Art der „Säuberung“ war auch in Österreich in Zeiten des Naziterrors ein großes Anliegen….

Was wollen Sie mit Ihrem Aufruf zu unsolidarischem Verhalten („Bettlern einfach kein Geld zu geben – ohne schlechtes Gewissen“) erreichen?

Erstens glauben wir, dass alle BürgerInnen auf diese Bevormundung verzichten können und zweitens würde das das „Wegschauen – ohne schlechtes Gewissen“ und die soziale Apartheid in jeder Hinsicht fördern, was ja wohl nicht das Anliegen der Exekutive sein kann…

Die von Ihnen vorgeschlagene Spende an anerkannte Hilfsorganisationen stellt für die LeserInnen keine Handlungsalternative zu einer Spende an bettelnde Menschen dar, da es in Wien keine Organisation gibt, die bettelnde Menschen direkt unterstützt (Wenn Sie eine solche Organisation kennen, geben Sie uns bitte Bescheid!). Diesbezüglich verbreiten Sie mit Ihrer Aussage eine Unwahrheit, die dazu führt, dass die LeserInnen glauben, dass bettelnden Menschen ohnehin geholfen wird und ihre Spende deshalb nicht notwendig ist. Das Gegenteil ist der Fall: bettelnde Menschen sind auf die Gaben anderer angewiesen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu sichern…..

Bitte versuchen Sie in Zukunft darauf zu achten, keine Kommentare voll von Unterstellungen, Bevormundungen und zynische Empfehlungen abzugeben!

 Die BettelLobbyWien, die zahlreiche persönliche Kontakte zu BettlerInnen hat und auch über einige wissenschaftliche Aufarbeitungen zu diesem Thema verfügt, würde sich sehr über eine Kontaktaufnahme Ihrerseits freuen, damit es uns – als Stimme der Betroffenen – möglich ist, auch Ihrer Organisation, die Seite abseits Ihrer Haltung zugänglich zu machen.

Wir sind auch gerne bereit, für Sie und Ihre MitarbeiterInnen eine eigene Filmvorführung des Dokumentarfilms „Natasha“ von Ulli Gladik (www.natasha-der-film.at) zu organisieren.

Wir sehen einer Vernetzung im Sinne der betroffenen Menschen hoffnungsvoll entgegen! 

Mag.Elisabeth Fröhlich

für die BettelLobbyWien

———————————————————————

bettellobbywien@live.at

 

https://bettellobbywien.wordpress.com/

Wien Heute, Mittwoch 8.7.2009 Seite 16

Kommentar von Polizeipräsident Dr. Gerhard Pürstl

Keiner muss in Wien betteln

Bettler stellen oft ein Ärgernis dar. Vor allem, wenn sie aufdringlich sind oder mit Kindern im Schlepptau gebettelt wird. In Wien sind daher aufdringliches und aggressives Betteln sowie das Kinderbetteln ebenso verboten wie alle Formen organisierten Bettelns. Da gibt es für unsere Polizistinnen und Polizisten eine gute rechtliche Handhabe. Freilich verlaufen die Grenzen zum gerade noch erlaubten Betteln fließend. Ich verstehe gut, wenn auch die „legalen“ Grenzfälle für Kritik sorgen: das Zur-Schau-Stellen völliger Verwahrlosung, das offene Herzeigen von Krankheiten, Verletzungen oder körperlichen Verstümmelungen, das Belagern von Plätzen oder Kircheneingängen. Denn sie schaffen die Grundlage für das organisierte Betteln; Betteln gleichsam als „Gewerbebetrieb“.

Dagegen hilft ein einfaches Mittel: Bettlern einfach kein Geld geben – ohne schlechtes Gewissen! Wien ist eine Stadt, in der eine Vielzahl von karitativen sozialen Einrichtungen in echter Not jegliche Hilfe anbieten. In Wien muss niemand Hunger leiden, in Wien gibt es niemanden, der kein Dach über dem Kopf findet. Wer Bettlern Geld gibt, sollte eines wissen: Hilfreicher ist, wer karitativen Einrichtungen regelmäßig Geld spendet!

 polizei@heute.at

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