Arme beim Körper halten

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Betteln als Kompetenz

Kati Morawek für Malmoe

Betteln ist eine anstrengende Form des Einkommenserwerbs. Die neu gegründete Bettellobby Wien thematisiert die Arbeitsbedingungen und sonstigen Interessen rund um’s Betteln. Aber wie lernt frau/man eigentlich das Betteln? Bildungswissenschafterin Marion Thuswald, die zum Kompetenzerwerb von Bettlerinnen in Wien geforscht hat, erzählt MALMOE im E-Mail-Interview, warum Selbstorganisation ein wichtiges Element davon ist.

 Was war dir wichtig daran, die Tätigkeit des Bettelns als Kompetenz und spezifisches, speziell erworbenes Wissen zu erforschen und zu beschreiben? Welche Ergebnisse deiner Forschungsarbeit waren dabei für dich die überraschendsten?

Zu Beginn beschäftigte mich die Frage, was eine mögliche bildungswissenschaftliche Perspektive auf Betteln sein kann. Was wird sichtbar, wenn das Konzept „Kompetenz“ mit einer Nicht-Zielgruppe von Pädagogik (Bettlerinnen mit nicht-österreichischer StaatsbürgerInnenschaft) konfrontiert wird? Kompetenz wird zumeist als „Eigenschaft” von Individuen verstanden. Diese Verkürzung verstellt den Blick auf Kompetenz als Zuschreibung in einer sozialen Situation, als ein Verhältnis zwischen Situationsanforderung und Handlungsressourcen, zwischen beobachtetem Handeln und Bewertung.

Spannend war, dass im Prozess des Forschens die Selbstorganisation zu einem zentralen Begriff wurde – auf unterschiedliche Art und Weise: In der pädagogischen Fachliteratur ist der Kompetenzbegriff eng mit dem der Selbstorganisation verbunden. Kompetent ist nur, wer „selbstorganisiert“ handeln, also mit komplexen unerwarteten Situation umgehen kann. In diesem Verständnis hat das nichts mit Kollektivität zu tun, gemeint ist die Selbstorganisation des Individuums. Im Laufe der Forschung zeigte sich, dass Selbstorganisation – im Sinne von gemeinsamem Handeln und gegenseitiger Unterstützung unter BettlerInnen, unter Frauen, unter Gleichsprachigen – zentral für das Überleben und auch für das Lernen der Bettlerinnen ist, die voneinander abschauen, einander beraten, sich gegenseitig schützen und Wissen weitergeben. Ihre sozialen Beziehungen sind eine zentrale Ressource neben dem Glauben an ihre moralische Integrität und die Legitimität ihres Anliegens.

Genau an diesen Ressourcen werden die Bettlerinnen angegriffen: Die Legitimität und moralische Integrität wird ihnen abgesprochen („Ausbeutung von Kindern“, „Niemand braucht in Österreich zu betteln“) und ihre sozialen Beziehungen werden kriminalisiert („organisierte Bettelei“).

Vertreibung, Strafen und Festnahmen stützen sich – neben dem Tatbestand der Aufdringlichkeit – auf den Vorwurf der „Organisiertheit“. In der Polizeiauslegung braucht es für organisierte Bettelei nur drei Personen, die in Absprache betteln (und dies etwa dadurch zeigen, dass sie während des Bettelns immer wieder Augenkontakt haben). Ob Ausbeutungsverhältnisse vorliegen, spielt also für die Polizei keine Rolle, wohl aber wird diese Bedeutung mittransportiert, wenn öffentlich von „organisierter Bettelei“ bzw. der „Bettelmafia“ gesprochen wird. Die skandalösen Durchsagen der Wiener Linien(1) trugen wesentlich zur Verbreitung und Legitimierung dieses Bildes bei.

Die Maßnahmen gegen BettlerInnen gehen soweit, dass Aufenthaltsverbote verhängt werden, auch für EU-BürgerInnen.

 In einem Gespräch hast Du mir einmal beschrieben, wie stark das Betteln als Tätigkeit – vor allem polizeilich – reguliert ist. Wie würdest Du diese unterschiedlichen Formen der Regulierung beschreiben und welche Funktionen haben sie?

Das unverhältnismäßige Vorgehen gegen BettlerInnen und die emotionalisierte Debatte um diese sehe ich im Kontext des Redens von einer „sauberen und sicheren“ Stadt und der Verschiebungen und Kanalisierung von sozialen und politischen Konflikten.

Es gibt in Wien kein generelles Bettelverbot – wie auch die SPÖ betont. Im Wiener Landessicherheitsgesetzes (Abschnitt 2) gelten nur organisiertes, aufdringliches, aggressives und Betteln von und mit Kindern als strafbar. Das Gesetz wird aber so ausgelegt, dass jede Art des Bettelns bestraft werden kann. Ein Beamter des Magistrats für Krisenmanagement und Sofortmaßnahmen erklärte mir, dass sowohl Ansprechen also auch Handausstrecken bereits aufdringlich seien – und Sitzen den FußgängerInnenverkehr behindern würde. Auf meine Frage, welches Betteln denn dann erlaubt sei, meint er, stehendes Betteln, bei dem nicht gesprochen und der Arm nicht ausgestreckt wird, sondern beim Körper gehalten wird.

Die Polizei handelt zumeist als Reaktion auf Beschwerden von Geschäftsleuten, AnrainerInnen usw. und nimmt als rechtliche Grundlage für die Vertreibung der BettlerInnen, was sich gerade anbietet, etwa auch die Straßenverkehrsordnung.    Interview: Kati Morawek

 Fußnote:

 (1) Die Wiener Linien wollen mit einer Lautsprecherkampagne laut Sprecher Johann Ehrengruber „sanften Druck“ gegen bettelnde Menschen erzeugen. Der Wortlaut der Durchsage: „Viele Fahrgäste fühlen sich durch organisiertes Betteln in der U-Bahn belästigt. Wir bitten Sie, dieser Entwicklung nicht durch aktive Unterstützung Vorschub zu leisten, sondern besser durch Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen zu helfen. Sie tragen dadurch zur Durchsetzung des Verbots von Betteln und Hausieren bei den Wiener Linien bei.“

Dazu die Bettellobby Wien: „Zu unserem Bedauern haben wir festgestellt, dass die Fahrgäste im U-Bahn-Bereich durch eine Durchsage aufgefordert werden, kein Geld an bettelnde Menschen zu spenden – gerade in der spendenfreudigen Weihnachtszeit eine irritierende Maßnahme. Zu dieser Durchsage ist aus unserer Sicht Folgendes anzumerken:

1. In der Durchsage wird unterstellt, dass alle bettelnden Menschen ‚organisiert’ sind. Durch diese Verallgemeinerung bezeichnen Sie diese Menschen indirekt als Kriminelle, da mit ‚organisiert’ nur Banden oder mafiaähnliche Organisationen gemeint sein können.

2. Die Durchsage strebt eine Verhaltensänderung der Fahrgäste an. Sie stellt einen Aufruf zu unsolidarischem Verhalten dar, da direkte Spenden an bettelnde Menschen als unerwünscht – und somit als etwas Schlechtes – dargestellt werden. Wir sind der Meinung, dass die Fahrgäste auf diese Bevormundung verzichten und selbst entscheiden können, wann, wo und an wen sie spenden.

3. Die Empfehlung, bettelnde Menschen ‚besser’ durch Spenden an anerkannte Organisationen zu unterstützen, zeugt von Unwissenheit und erscheint zynisch, da es in Wien keine Organisation gibt, die bettelnde Menschen direkt unterstützt.

4. Wenn wir schon über Belästigung sprechen: Bitte belästigen Sie Ihre Fahrgäste nicht durch Unterstellungen, Bevormundung und zynische Empfehlungen!

Mit freundlichen Grüßen, die Bettellobby Wien

 Literatur:

Marion Thuswald: „Betteln als Beruf? Wissensaneignung und Kompetenzerwerb von Bettlerinnen in Wien“, Diplomarbeit am Institut für Bildungswissenschaft, Wien 2007

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