Protestmails…

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An die Wiener Linien / Kopie an Augustin:

Keine Organisation unterstützt BettlerInnen

Sehr geehrte Damen und Herren!

Zur Zeit werde ich beim U-Bahn-Fahren mit einer Durchsage belästigt, die mir nahelegt, an BettlerInnen in der U-Bahn kein Almosen zu geben. Im Text der Durchsage wird unterstellt, dass es sich um organisierte Bettelei handelt. „Organisiert“ impliziert eine kriminelle Vereinigung. Wenn ich die unsäglich armen und oft verkrüppelten Leute ansehe mit den deutlichen Spuren von Mangelernährung und in ihrer notdürftigen Kleidung tut mir ja die kriminelle Vereinigung leid, die so armselig arbeitet. Das ist natürlich lächerlich unglaubwürdig. Das heißt, höchstwahrscheinlich unwahre Behauptungen werden hier ungestraft der Öffentlichkeit zugemutet. Überdies will ich mich dabei, wem ich meinen täglichen kleinen Solidaritätsbeitrag zukommen lasse, nicht bevormunden lassen. Scheußlich ist auch, dass die Durchsage ein Beitrag zu unsolidarischem Verhalten ist. Ich glaubte, gut Bescheid über die spendensammelnden Organisationen zu wissen, schließlich habe ich meine Unterstützungsauswahl getroffen. Eine Organisation, die BettlerInnen unterstützt, kenne ich nicht. Ich bin sicher, Sie auch nicht. Ich ersuche Sie daher, mit diesen Durchsagen einfach aufzuhören. Nicht alle Menschen gehören der Neidgesellschaft an. Und die es doch tun, müssen wir nicht bedienen. Im Gegenteil. Eva Geber

 

An den Augustin

Die Durchsage erfolgt stündlich

Mit großem Interesse las ich heute Ihren Artikel „WIR sind die Kunden“ über das Bettelverbot der Wiener Linien. Zu Ihrer Information: Vor einer Woche schrieb ich diesbezüglich eine E-Mail an die Wr. Linien: „Einerseits verstehe ich das Bettelverbot in den U-Bahnstationen, andererseits zeigen Bettler nur die große Schere, die es leider zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft gibt. Und diese Schere wird durch das Bettelverbot nicht abgeschafft, sondern nur unsichtbar gemacht. Ist es wirklich nötig, Ihre entsprechende Durchsage MEHRMALS täglich durchzugeben? ICH fühle mich jetzt eigentlich durch Ihre DURCHSAGE belästigt.“

Heute wurde ich angerufen. Mir wurde folgendes mitgeteilt: Diese Durchsage erfolgt derzeit stündlich. Die Wr. Linien sind stolz, dass diese Durchsagen geholfen haben; es wird jetzt weniger gebettelt. Deshalb fühlen sich die Wr .Linien in ihrer Vorgangsweise bestätigt.Die Wr. Linien betonen, dass es Regeln geben muss und dass diese Regeln für ALLE gelten müssen. Insbesonders müssen ALLE Leute, die sich in U-Bahnstationen aufhalten, einen GÜLTIGEN FAHRSCHEIN besitzen. Johannes Missoni-Paul 1190 Wien

 

An die Wiener Linien / Kopie an Augustin:

Was erlaubt ist, kann man nicht verbieten Auch mich als langjährigen Kunden der Wiener Linien stören die „Bettler – Durchsagen“, insbesondere auch deshalb, weil sie jene indirekt „kriminalisieren“, die bettelnden Menschen eine Kleinigkeit geben. Zu der Behauptung in diesen Durchsagen, dass das „Betteln und Hausieren“ in den Öffis generell verboten sei, wird auf die maßgeblichen Bestimmungen des Wiener Landes-Sicherheitsgesetzes verwiesen, die lauten: § 2. (1) Wer an einem öffentlichen Ort a) in aufdringlicher oder aggressiver Weise oder als Beteiligter einer organisierten Gruppe um Geld oder geldwerte Sachen bettelt, oder b) eine unmündige minderjährige Person zum Betteln, in welcher Form auch immer, veranlasst oder diese bei der Bettelei mitführt, begeht eine Verwaltungsübertretung und ist mit Geldstrafe bis 700 Euro, im Fall der Uneinbringlichkeit mit einer Ersatzfreiheitsstrafe bis zu einer Woche zu bestrafen. Wer also – wie dies auch meistens der Fall ist – unaufdringlich um etwas Geld bettelt, macht sich nicht strafbar und ist auch dann nicht strafbar, wenn er dies in den Öffis der Wiener Linien tut. Einem Einzelnen kann auch nicht „organisiertes Betteln“, wie dies bei der Durchsage der Wiener Linien ausgedrückt wird, unterstellt werden. Ob sich jemand durch einen Bettler belästigt fühlt oder nicht, bleibt dessen persönlicher Einstellung und Werthaltung überlassen, jedenfalls macht der einzelne, unaufdringliche Bettler nichts Verbotenes und man unterstützt durch eine Spende an diesen auch keine verbotene Tätigkeit, wie die Wiener Linien in ihrer Durchsage zumindest unterstellen. Die Wiener Linien sollten daher nicht etwas für verboten erklären, was grundsätzlich nicht verboten ist. Auch für die Wiener Linien gelten, so wie für jedermann, die allgemeinen Gesetze und sie können sich nicht ihre eigenen Gesetze basteln! Sebastian S. , E-Mail

 

An die Wiener Linien / Kopie an Augustin

Wider den Geräuschterror

Was müssen sich Gäste unserer Stadt denken, wenn sie in der U-Bahn gezwungenermaßen amtliche Erlässe in bestem Amtsdeutsch mithören „dürfen“. Mein Eindruck: Die Verfasser solcher Belehrungen haben keine Ahnung, in welcher Stimmung und bei welchem Geräuschpegel man normaler Weise in der U-Bahn sitzt. Sonst würden sie sich diese traurigen Durchsagen sparen. Und alle anderen so kurz wie möglich, nicht so betulich wie möglich halten. Wolfgang J. Kraus, 1130 Wien

 

Sigmund Freud:

Wieder die Neigung zum Bevormunden, Eingreifen und Verbieten

Auch mit Sigmund Freud ließe sich trefflich gegen die Armenbekämpfer aus der Geschäftswelt des Öffentlichen Verkehrs argumentieren. Der Ausschnitt aus seinem 1926 verfassten Text „Die Frage der Laienanalyse“ liest sich wie ein wunderbar vorweggenommenes Manifest gegen die unsoziale Lautsprecherkampagne: In unserem Vaterlande herrscht von alters her ein wahrer furor prohibendi, eine Neigung zum Bevormunden, Eingreifen und Verbieten, die, wie wir alle wissen, nicht gerade gute Früchte getragen hat. Es scheint, dass es im neuen, republikanischen Österreich noch nicht viel anders geworden ist. (…) Ich meine, dass ein Überfluss von Verordnungen und Verboten der Autorität des Gesetzes schadet. Man kann beobachten: wo nur wenige Verbote bestehen, da werden sie sorgfältig eingehalten; wo man auf Schritt und Tritt von Verboten begleitet wird, da fühlt man förmlich die Versuchung, sich über sie hinwegzusetzen. Ferner, man ist noch kein Anarchist, wenn man bereit ist einzusehen, dass Gesetze und Verordnungen nach ihrer Herkunft nicht auf den Charakter der Heiligkeit und Unverletzlichkeit Anspruch haben können, dass sie oft inhaltlich unzulänglich und für unser Rechtsgefühl verletzend sind oder nach einiger Zeit so werden, und dass es bei der Schwerfälligkeit der die Gesellschaft leitenden Personen oft kein anderes Mittel zur Korrektur solch unzweckmäßiger Gesetze gibt, als sie herzhaft zu übertreten. (aus dem Augustin Nr. 245)

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