Protestaktion gegen Durchsagen in den Wiener Linien

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Die BettellobbyWien hat eine Protestmailaktion gegen die Durchsagen der Wiener Linien gestartet. Seit einigen Jahren werden Öffi-BenutzerInnen davor gewarnt, den „organisierten Bettlern“ Geld zu geben, und: Man solle lieber die anerkannten Hilforganisationen unterstützen… Dies ist zynisch, da es in Wien keine Organisation gibt, die BettlerInnen direkt unterstützt, und  woher die Wiener Linien ihre Informationen über die „organisierten Banden“ haben, wäre auch interessant, denn bislang hat nicht mal die Wiener Polizei Nachweise für die „Bettelbanden“. Der Effekt dieser Durchsagen: BettlerInnen werden weiterhin kriminalisiert, gedemütigt und vertrieben. Ein Armutszeugnis für das sozialdemokratische Wien und für unsere Gesellschaft, in der es eine alte Tradition hat, dass solche Verhetzkampagnen ungestraft und unkritisiert betrieben werden können.

Die Durchsage der Wiener Linien lautet : „Viele Fahrgäste fühlen sich durch organisiertes Betteln in der U-Bahn belästigt. Wir bitten Sie, dieser Entwicklung nicht durch aktive Unterstützung Vorschub zu leisten, sondern besser, durch Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen zu helfen. Sie tragen dadurch zur Durchsetzung des Verbots von Betteln und Hausieren bei den Wiener Linien bei.“

Wer sich unserer Kampagne anschließen möchte, sei aufgefordert, Kopien oder selbst verfassete Mails an die Wiener Linien schicken.

kundendienst@wienerlinien.at

Ein paar unserer Protestmails:

 Protestmail der BettelLobbyWien

Sehr geehrte Damen und Herren!
Zu unserem Bedauern haben wir festgestellt, dass die Fahrgäste im U-Bahn-Bereich durch eine Durchsage aufgefordert werden, kein Geld an bettelnde Menschen zu spenden – gerade in der spendenfreudigen Weihnachtszeit eine irritierende Maßnahme. Der Text der Durchsage lautet wie folgt:   
 
„Viele Fahrgäste fühlen sich durch organisiertes Betteln in der U-Bahn belästigt. Wir bitten Sie, dieser Entwicklung nicht durch aktive Unterstützung Vorschub zu leisten, sondern besser, durch Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen zu helfen. Sie tragen dadurch zur Durchsetzung des Verbots von Betteln und Hausieren bei den Wiener Linien bei.“
 
Zu dieser Durchsage ist aus unserer Sicht folgendes anzumerken:
  1. In der Durchsage wird unterstellt, dass alle bettelnden Menschen „organisiert“ sind. Durch diese Verallgemeinerung bezeichnen Sie diese Menschen indirekt als Kriminelle, da mit „organisiert“ nur Banden oder mafiaähnliche Organisationen gemeint sein können.
  2. Die Durchsage strebt eine Verhaltensänderung der Fahrgäste an. Sie stellt einen Aufruf zu unsolidarischem Verhalten dar, da direkte Spenden an bettelnde Menschen als unerwünscht – und somit als etwas Schlechtes – dargestellt werden. Wir sind der Meinung, dass die Fahrgäste auf diese Bevormundung verzichten und selbst entscheiden können, wann, wo und an wen sie spenden.
  3. Die Empfehlung, bettelnde Menschen „besser“ durch Spenden an anerkannte Organisationen zu unterstützen, zeugt von Unwissenheit und erscheint zynisch, da es in Wien keine Organisation gibt, die bettelnde Menschen direkt unterstützt.
  4. Wenn wir schon über Belästigung sprechen:
Bitte belästigen Sie Ihre Fahrgäste nicht durch Unterstellungen, Bevormundung und zynische Empfehlungen!
 
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Die BettelLobbyWien
 
Augustin (Straßenzeitung in Wien)
Mag.a Elisabeth Fröhlich (Beratungsstelle Sozialarbeitergasse)
Mag. Thomas Fröhlich (FH-Lektor und Fraktionsvorsitzender der „IGS – Initiative GrünSozial“)
Mag.a  Ulli Gladik (Filmemacherin)
Dr.in Martina Handler (Politikwissenschafterin)
Mag. Marcel Kneuer  (Katholische Aktion)
Ferdinand Koller (Student)
Christoph Stoik M.A. (FH-Dozent und Mitbegründer von socialATTAC)
Mag.a Marion Thuswald (Bildungswissenschaftlerin)
Dieter Wabnig (Aktivist) 

Robert Sommer schlägt in der Jännerausgabe des Augustins unter dem Titel: „WIR SIND DIE KUNDEN! „  den Wiener Linien folgende Variante vor:
„Sollte den Wiener Linien daran gelegen sein, ihre Lautsprecheranlagen mit Hilfe einer Durchsagenkampagne in Schuss zu halten, wüssten wir einen besseren Text: „Die Wiener Linien bedauern, sich an den unter dem Namen Cross-Border-Leasing bekannten Scheingeschäften mit einem US-Investor beteiligt zu haben. Das Verleasen des Wiener U- und Straßenbahnnetzes an einen US-Versicherungskonzern stellte sich im Zuge der Finanzkrise als risikoreiches Jonglieren mit öffentlichem Eigentum heraus, dessen Konsequenzen noch nicht abzusehen sind.“
Viele LeserInnen haben sich der Protestaktion angeschlossen, denn in den Posteingängen des Augustins fanden sich unzählige Kopien von Protestmails, einige davon sind in der 1. Februarausgabe als Leserbriefe abgedruckt. Doch es braucht noch mehr Protest. Die Wiener Linien betreiben weiterhin ihre Verhetzungskampagne. 

 

Protestmail von Eli    

Weihnachten in Wien 2008   

 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot des Kapitalismus ausging, dass alle Welt sich nur mehr um die Ausbeutung der „Armen“ und die Anhäufung von Reichtum der „Reichen“ kümmerte. Und diese Entwicklung wurde immer stärker und geschah zu der Zeit, als das Geld die Welt regierte. Und jedermann ging, dass er sich und seine Familie ernähren könne, ein jeder in ein Land, von dem er hoffte, das Nötigste zum Leben zu bekommen.

 Es machte sich auch auf J. aus Rumänien, aus der Stadt G., in das reiche Land Österreich, zur Stadt im Herzen Europas, die da heißt Wien, weil er gehört hatte, dass dort viele Menschen Geld hätten, damit er welches erbetteln könne mit M., seinem vertrautem Weibe; die war schwanger.

 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Da die Herberge – ein Matratzenlager in einer überfüllten Substandardwohnung – sehr viel Geld kostete, zogen sie gemeinsam organisiert durch die Straßen der Stadt. Die Kälte vertrieb sie von dort in die geheizten U-Bahnen, wo sie sich nicht nur aufwärmen konnten, sondern auch ständig an Menschenmassen vorbeikamen, bei denen sie um einige Euros baten. Trotz der verachtenden Blicke, der Beschimpfungen und Verleumdungen machten sie sich jeden Tag aufs Neue auf den Weg, M. mit ihrem Kind unter ihrem Herzen, J. mit der Sorge um seine kleine Familie.

 Da ihr Deutsch auf wenige Worte: „Bitte Geld.“ und „Danke.“ beschränkt war, verstanden sie die Worte aus dem Lautsprecher nicht…

  © Eli

 

Protestmail von Thomas

Und immer wieder sät man aus den Samen

und immer wieder gießen Wolkengötter

und immer wieder ackert man den Acker

und immer wieder kommen andre Eigner

und immer wieder werden Bettler bitten

und immer wieder werden Geber geben

und immer wieder neue Gaben geben

und immer wieder neue Himmel finden.

(Buddha, 560 – 480 v. Chr.)

 
  
 
 
Betreff:            „Bettelverbot“
 
Sehr geehrte Damen und Herren,

 ich bin kein regelmäßiger Gast der Wiener Linien, weil ich die Zeitintervalle, zum Teil das Service sowie die Preisgestaltung für mehr als diskussionswürdig halte. Aber ich bin oft genug zahlender Kunde, dass mir ein Umstand, die regelmäßigen Lautsprecherdurchsagen bezüglich BettlerInnen, in letzter Zeit vermehrt auffällt.

 Mehr ärgert mich daher die ständige Bevormundung Ihres Unternehmens, die ich mir mit dem Erwerb eines Tickets einhandle. Jetzt zur Vorweihnachtszeit fühlen sich die Verantwortlichen bei Wiener Linien offensichtlich wieder bemüßigt, eine fragwürdige Aufklärungs- und Bildungsarbeit in Form von Lautsprecherdurchsagen zu geben. Kurzum: Sie weisen auf das Bettelverbot (?) hin und fordern zum aktiven Handeln auf, dass ich ja keinen (von mir selbst verdienten) Euro selbständig und selbstverantwortlich abgeben darf.

 Was tun den diese Menschen? Jean Paul formulierte, dass „der Held wohl seine Narben zeigt, aber nur der Bettler seine Wunden!“. Diese Menschen machen Eigenwerbung für sich und machen auf ein gesellschaftliches Phänomen aufmerksam. Sie lassen uns teilhaben an einem Leben, das nicht immer sehr gradlinig verlaufen ist …

Nun, wenn ich das nicht aushalten kann, dann müsste ich wohl in einem Reservat für Bestverdiener leben … sozusagen Cluburlaub im Alltag all inclusive!!

 Sie, die Wiener Linien, rufen mit Ihren Lautsprecherdurchsagen – und diese zählen für mich zu einer Form von verbaler Umweltverschmutzung – zu einer sozialen Apartheid auf. Und das ist nicht die Aufgabe von Wiener Linien!!

„Bettelt“ das Unternehmen nicht selbst um Aufmerksamkeit, bewerben Sie nicht Ihre Verdienste auf das noch mehr Kundinnen kommen. Machen nicht auch Sie Eigenwerbung, eleganterweise halt nicht mit dem Hut in der Hand …

 Sie hätten diverse Möglichkeiten, Akzente zu setzen, weil ich Sie als Steuerzahler nicht aus Ihrer öffentlichen Verantwortung entlassen möchte. Wenn auch die Wiener Linien gerne auf „privat“ machen, muss ich trotzdem als Arbeitgeber U-Bahnsteuer für meine Angestellten an die Gemeinde Wien abführen. Ich verwehre mich daher dagegen, dass mit öffentlichen Geldern eine Form von Verhetzungs- und Vogelfreiheit-Atmosphäre geschaffen wird.

Gerne erkläre ich mich bereit, mit den Verantwortlichen Gegenstandards zu entwerfen respektive menschenwürdige Alternativen aufzuzeigen. Ich wäre sehr froh, wenn Sie dieses Angebot annehmen könnten …

 Mit der Bitte um Kenntnisnahme verbleibe ich

mit besorgten Grüßen

Mag. Thomas Fröhlich

Protestmail von Melanie:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich, einer Ihrer Fahrgäste, fühle mich durch Ihre organisierte, lautsprecherverstärkte Diskriminierung von bettelnden MENSCHEN (!) in der U-Bahn  belästigt.

Ich bin keinesfalls gewillt, dieser Entwicklung durch passive Unterstützung, als die mein Stillschweigen gedeutet werden könnte, Vorschub zu leisten. 

Ob ich notleidenden Menschen durch Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen helfe, oder jemandem persönlich eine Münze in die Hand drücke, ist meine Entscheidung, die Sie mir nicht absprechen können.

Ich betone mit Nachdruck, dass mir an der Durchsetzung menschenrechtswidriger Verbote ganz und gar nicht gelegen ist.

Mit weihnachtlichen Grüßen!

Melamar / Melanie Marschnig (Autorin)

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2 Antworten to “Protestaktion gegen Durchsagen in den Wiener Linien”

  1. From: Kundendienst@wienerlinien.at Says:

    From: Kundendienst@wienerlinien.at
    To: bettellobbywien@live.at
    Date: Mon, 12 Jan 2009 12:03:59 +0100
    Subject: V43s 18/8876/08

    Unsere Zahl: V43s 18/8876/08
    Sachbearbeiterin: Susanne Müllner

    Sehr geehrte Damen und Herren!

    Viele Menschen sind bereit, Geld- oder Sachspenden an Mitmenschen zu geben. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass sich zwei Kundengruppen gebildet haben. Eine sehr große Gruppe von Fahrgästen, die sich durch Bettler im Bereich der Wiener Linien gestört fühlen und – in manchen Fällen zu Recht – organisierte Bettlerbanden vermuten, welche die ohnehin schon Hilfebedürftigen ausbeuten. Und Fahrgäste, die uns kritisieren, wenn wir diese Menschen aus den Fahrzeugen oder Stationsbereichen verweisen.

    Mit der Bitte, bedürftige Menschen über verschiedene Hilfsorganisationen zu unterstützen, verfolgen wir das Ziel, beiden Kundengruppen Ärger zu ersparen und gleichzeitig den Bedürftigen zu helfen. Auch kommen wir durch diese Vorgehensweise dem Wunsch jener Fahrgäste nach, die durch – zum Teil aufdringliche – Bettler belästigt werden und zeigen der anderen Gruppe, dass wir auch ihren Wunsch, Not zu lindern, anerkennen.

    Wir hoffen sehr, Ihr Verständnis für unsere Maßnahmen gewonnen zu haben.

    Mit freundlichen Grüßen

    WIENER LINIEN GmbH & Co KG
    Geschäftsführung

  2. akbettlerinnen Says:

    Ein Standardantwortbrief der Wiener Linien, den auch die BLW auf ihr Protestmail bekommen hat. Es wird darin weder darüber aufgeklärt, warum die BettlerInnen in den Durchsagen als „organisiert“ bezeichnet werden, noch informieren uns die Wr. Linien, welche Hilfsorganisationen BettlerInnen direkt unterstützen. (Es gibt in Wien zwar zahlreiche Anlaufstellen, allerdings nur für InländerInnen – die BLW recherchiert zu dem Thema).

    Da die Wr. Linien die Dauerberieselung mit dem Argument der „sich häufenden“ KundInnen-Beschwerden über die „Belästigung“ durch bettelnde Personen legitimiert, stellte der Augustin eine Anfrage, ob diese „Beschwerdeflut“ offengelegt oder sonstwie bestätigt werden könne und in welchem Maße gegenteilige KundInnen-Reaktionen vorlägen. Bisher gab es aber keine Antwort seitens der Wiener Linien.

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